Lehrerin auf der Anklagebank

Frau Müller (rechts) sah sich heftigen Vorwürfen der Eltern ausgesetzt. Sie trage die Schuld am gefährdeten Übertritt der ach so begabten Sprösslinge aufs Gymnasium. Doch das Blatt sollte sich wenden. Bild: Steinbacher

Was macht einen guten Lehrer aus? Antwort: dass er gute Noten verteilt. Wenn Frau Müller in ihrer vierten Klasse an einer Grundschule in Dresden das nicht beherzigt, dann muss sie eben weg.

Genau darum geht es in Lutz Hübners Komödie "Frau Müller muss weg". Deshalb wird ein außerplanmäßiger Termin mit der Klassenlehrerin Frau Müller (Claudia Rieschel) anberaumt. Ein Misstrauensvotum steht an. Am Schuljahresende fällt schließlich die Entscheidung, ob die Kinder den Sprung aufs Gymnasium schaffen oder nicht. Also planen die Eltern (Andrea Lüdke, Wolfgang Seidenberg, Iris Boss, Katrin Filzen, Thomas Martin) mit der Absetzung der Lehrerin zu retten, was noch zu retten ist - koste es, was es wolle.

Das Amberger Stadttheater ist am Dienstagabend rappelvoll. Selbst an der Abendkasse stehen die Besucher Schlange, um noch Restkarten für die Euro-Studio-Landgraf-Aufführung zu bekommen. Ein selten gesehener Vorgang in den letzten Jahren. Vielleicht heizte Sönke Wortmanns Verfilmung des Theaterstücks mit Anke Engelke diese Publicity an. Jedenfalls hat das intelligente Stück wie auch das virtuose Ensemble das große Interesse durchaus verdient.

Eltern einig

Eigentlich fehlte nur noch der typische Klassenzimmermief, sonst passte die Bühnenausstattung perfekt: Rote Stahlrohrmöbel mit Hellholz, Tafel, Leuchtglobus, Waschbecken, Grünpflanzen am Fensterbrett, Sonnenjalousien und die "künstlerischen" Ergebnisse des Herbstprojekts auf dem Ausstellungstisch. Fünf Elternvertreter treffen hier zusammen. Man ist sich einig: Es sei Unruhe in der Klasse, es herrsche keine gute Lernatmosphäre und die Lehrerin sei ja wohl auch in Therapie! Da platzt Frau Müller der Kragen, denn es handelt sich dabei um eine Physiotherapie. "Man wird ja wohl noch Rückenschmerzen haben dürfen!" ruft sie wütend.

Und dann spricht sie Klartext: Der ach so arme und gemobbte Schüler Lukas sei in Wirklichkeit "ein klarer Fall von ADS", und die gute Laura fälsche dauernd die Unterschrift ihrer Mutter für Entschuldigungen, wettert sie los. Die ehrgeizigen Eltern sollten sich mal an die eigene Nase fassen! Frau Müller ist vor den Kopf gestoßen und verlässt das Klassenzimmer. Zwischen den anwesenden Eltern entbrennt ein heftiger Streit, bei dem sich Ressentiments und Vorbehalte immer explosiver Bahn brechen. Die Schauspieler agieren in diesem Kammerspiel als Ensemble hervorragend miteinander, werfen sich gegenseitig die Bälle zu und lassen sich anmerken, wie viel Spaß sie an ihren jeweiligen Rollen haben.

Hauch von Tragödie

Andrea Lüdke als überspannte, kaltschnäuzige Karrierezicke, Wolfgang Seidenberg als prolliger Ossi-Obermacho, Iris Boss als unentschlossene, alleinerziehnde Mutter des Klassenbesten, Katrin Filzen als heulende Gluckenmama, Thomas Martin der unterdrückte Ehemann mit Revoluzzer-Potential und last but not least eine überzeugende Claudia Rieschel als engagierte Pädagogin mit Herz - sie alle sind toll. Diese Komödie, die doch immer wieder zur Tragödie neigt, kam in Amberg sehr gut an. Langer, kräftiger Applaus.
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