Luftbildhauerei
Wilhelm Koch stellt im Amberger Luftmuseum aus

Hier, im von ihm gegründeten Luftmuseum in Amberg, ist Wilhelm Koch, der Luftbildhauer, in seinem Element. Bild: Geiger
 
Jahrzehntelang arbeitet sich Wilhelm Koch schon ab an seinem Lebensthema Luft - in den letzten zehn Jahren konzentrierte er sich vor allem auf das Luftmuseum als Soziale Plastik.

Oft schon wurde es Luftmuseumsgründer Wilhelm Koch attestiert: Er sei ein Karl Valentin unserer Tage. Und tatsächlich: Mit seiner "Luftbildhauerei" überschriebenen Ausstellung zeigt er seinen radikalen Willen zum vertrackten Humor. Und beweist einmal mehr seine Fähigkeit, dem namenlos Vertrackten künstlerischen Ausdruck zu verleihen.

Von Peter Geiger

Begleitet man Wilhelm Koch auf einen Rundgang durch das Amberger Luftmuseum, so ist das, als würde man mit ihm durch ein dreidimensionales Riesenmodell seiner Biografie wandern. Denn hier im Erdgeschoss hat er alles aufgefahren, was er, der 1960 geborene Luftbildhauer und Gründer des Hauses, ein Künstlerleben lang erfunden und entwickelt hat. Jahrelang waren diese Hinterlassenschaften in einer Lagerhalle am Rande von Ambergs Altstadt untergebracht, bevor er sie in den letzten zwei Wochen wieder ans Licht der Öffentlichkeit befördert hat.

Egal, wo man stehenbleibt, wo man verharrt - sofort hält Wilhelm Koch eine Geschichte parat. Die eindrucksvollste dürfte wohl die aus seinen Anfangsjahren sein, als er schon dabei war, den Bulldogreifen-Gummi mit großer Virtuosität zu bearbeiten und er begonnen hatte, aufgeblasene Sitzflächen auf große Metallkuben aufzubringen. Sein Lieblingsarbeitsplatz war damals ein kleiner Schuppen.

Eine "Schupfer", wie man sie im Dialekt nennt, die im Garten seines Hauses in Etsdorf steht, dort also, wo Wilhelm Koch herkommt und wo er bis heute lebt. Riesenwürfel mit einer Kantenlänge von einem Meter hatte er zusammengeschweißt, was bei einem Stuhl mit Füßen und Sitzlehne in der Summe nach Adam Riese zwei Meter ergibt. Die Arbeit sollte symbiotisch Leichtigkeit und Schwere vereinen, sie sollte vom Monumentalen ebenso zeugen wie vom Schwebenden.

Die damit verbundene Tragik trat erst zutage, als das fertige Werk hinausgeschafft werden sollte. Denn damals, wir sprechen von den späten 80er und frühen 90er Jahren, da war Wilhelm Kochs Kunst europaweit in Galerien gefragt, er stellte in Köln ebenso aus wie in Frankfurt, in Florenz oder in Rennes. Tja, wer aber ausstellen möchte, wer hinaus möchte aus dem heimischen Schuppen, rein in die Welt, der muss seine Kunst natürlich auch nach draußen bringen.

Gordischer Knoten


Das ging aber nicht, bei diesem Stuhl. Weil er ganz einfach zu groß war, zu großzügig dimensioniert, und deshalb nicht durchpassen wollte, durch die Schuppentür. Weshalb Wilhelm Koch diesen Gordischen Knoten mit der ihm eigenen Bauernschläue auf Münchhausenart durchschlug - und kurzerhand in die "Schupfer" eine neue Tür einsetzen ließ.

Nein, von Hindernissen hat Koch seiner Lebtag nicht viel gehalten. Die waren ihm allenfalls wurscht. Da ist er wie sein Lieblingselement, die Luft. Die lässt sich ja auch kaum aufhalten. Weshalb der Luftbildhauer bald erkannte, dass ihm Galerien nicht reichen und dass ihm eine eigene Ausstellungsfläche gut täte, ja, am besten gleich ein eigenes Museum. Weil Wilhelm Koch dem Größenwahn aber dann doch nur in seiner sanftesten und sozialverträglichsten Form verfallen ist, so wurde aus den "Gummeum" genannten Anfängen (zuerst in Amberg, dann in Kallmünz) ab Juni 2006 das Luftmuseum.

Einmalig auf der Welt


Und das hat sich eben gemausert zu einer Spielstätte, in der der Luft auf eine Art und Weise gehuldigt wie nirgends sonst auf der Welt. Gut, auf dem Gelände des Pariser Flughafens "Le Bourget", da gibt es ein "Musée de l'air et de l'espace" - was übersetzt so viel heißt wie "Museum für Luft- und Raumfahrttechnik". Aber dieser enge Bezug zum Anwendungsbezogenen, er zeigt schon: An Ambergs Alleinstellungsmerkmal reicht das nie und nimmer heran!

Denn das Luftmuseum am Eichenforstplatz, mitten drinnen im Ei der Amberger Altstadt, untergebracht im Klösterl an der Vils, es will doch viel mehr als hoch in den Himmel hinaus oder tief zurück in die Geschichte der Aviatik. Das Luftmuseum feiert seinen Namenspaten allumfassend, es widmet sich ihm in Gestalt von Musik ("Aerophonie"), von Luftballons ("Pop! Platz! Pfff ...!") und Löchern ("Das Loch"), von gewebten Wolken ("Himmelwärts") oder den aktuellen "Vogelspuren". Hinzu kommen Events wie das Luftboottreffen, die Luftsamstage für Kinder oder die (im wahrsten Wortsinne) ausgezeichneten "Luftnächte".

Egal, wie man's wendet: Wilhelm Kochs "Luftbildhauerei", sie ist mehr als bloße Arbeit am Werkstoff Luft. Sie hat sich selbstständig gemacht, ist zur Sozialen Plastik im Beuys'schen Sinne geworden, ein Stück Realität gewordene Utopie inmitten einer Stadt in der Oberpfalz. Sie verleiht Amberg, der ehemals festesten aller Fürstenstädte des Reichs, den Ehrentitel "Luftkunstort". Und bringt damit die Verhältnisse zum Schweben!

ServiceAusstellung: "Luft-Bildhauerei" von Wilhelm Koch. Bis 22. Mai.

Ort: Luftmuseum, Eichenforstgäßchen 12, 92224 Amberg.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 14-17 Uhr, Samstag/Sonntag/Feiertage 11-17 Uhr.

Information: Telefon 09621/420883 (während der Öffnungszeiten).

Weitere Informationen: www.luftmuseum.de
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