Luftmuseum Amberg feiert 10. Geburtstag
Die innere Evidenz

Buchstabiert die Luftkunst wie kein anderer aus: Der Gründer des Luftmuseums, Wilhelm Koch.
Kultur
Amberg in der Oberpfalz
03.06.2016
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Im August 2014 gastierte das in Antwerpen ansässige Design-Büro "Inflate" unter dem Titel "airCandy" eine Retrospektive.
 
Mit einem Riesenluftballon füllte der Berliner Künstler Hans Hemmert im Sommer 2012 die Amberger Stadtbrille. Bilder: Marcus Rebmann (Amberg), Erich Spahn (Regensburg), Wolfgang Steinbacher (11)

Man nimmt den Mund sicher nicht zu voll, wenn man behauptet: Das Luftmuseum in Amberg, es ist das einzige seiner Art weltweit. Ein Haus, das sich dem flüchtigen Element auf künstlerisch-ästhetische Weise widmet. Und das seit genau zehn Jahren.

Von Peter Geiger

Wilhelm Koch - der Leiter des Luftmuseums am Eichenforstplatz, dekliniert seit Juni 2006 mit den von ihm kuratierten Ausstellungen das Thema "Luft" auf vielfältige Weise - und freut sich, wie er im Interview verrät, schon auf die nächsten zehn Jahre.

Sie sind nicht nur Museumsleiter, Sie sind selbst ja auch Künstler. Wie viel hat das eine mit dem anderen zu tun?

Wilhelm Koch: Das Luftmuseum ist die Fortsetzung meiner eigenen künstlerischen Auseinandersetzung mit dem Medium Luft. Der Begriff der "Sozialen Plastik", der auf Joseph Beuys zurückgeht, trifft vielleicht ganz gut, was hier entstanden ist. Durch das kreative Zusammenwirken von vielen Leuten - allen voran unseren Luftlehrerinnen, aber auch den Museumsmitarbeitern, Lufthelfern, Förderern, Vereinsmitgliedern und Vorständen entstand im Lauf der Zeit ein großes, facettenreiches und kreatives Ganzes. Und die ausstellenden Künstler tragen ihre jeweils individuellen und neuartigen Sichtweisen zum Thema Luft bei.

Kommt es da nicht ab und zu vor, dass der Museumsleiter dem Künstler in die Quere kommt?

Im Gegenteil, ich bringe alle mir zur Verfügung stehenden Ressourcen ein und freue mich, wenn sie sich dann ergänzen!

Mit der Luft hat es ja eine besondere Bewandtnis: Obwohl sie lebensnotwendig ist, ist sie im Überfluss vorhanden.

Die Selbstverständlichkeit, dass Luft ständig und überall zur Verfügung steht, mindert nicht deren allumfassende, absolut lebensnotwendige Bedeutung. Die Alltäglichkeit macht uns etwas blind im Hinblick auf die Vielfalt, in der Luft eine Rolle spielt, in der Kunst, der Architektur und im Design. Und nicht zu vergessen: In der Technik, der Medizin, der Natur und im Alltag!

Die Luft ist Ihr künstlerisches Leib- und Magenthema. Wie kommt's?

Ich habe schon während meines Studiums, zunächst in Würzburg und München, später dann an der Städelschule in Frankfurt, damit begonnen, mit alten Bulldogreifen und den dazugehörigen Schläuchen zu arbeiten. Das Material entfaltet eine verblüffende Vitalität und Körperlichkeit, die einem glatt den Atem verschlagen kann. Wenn ich den dicken, schwarzen Gummi mit dem Messer zerschneide und in Form bringe, dann fühle ich mich fast wie ein Metzger!

Wenn Sie zurückblicken auf zehn Jahre Luftmuseum: War das, was sich da ereignet hat, von Ihnen so geplant? So erhofft? Oder sind Sie selbst völlig überwältigt und platt?

Das Grundkonzept des Luftmuseums, wie es erstmals in einer Bürgerversammlung im Jahr 2005 formuliert wurde, das ging nicht nur auf, das hat sich eigentlich über alle Erwartungen hinaus entwickelt. Auch der Umfang und die Qualität der Museumspädagogik waren so nicht absehbar. Mit den Luftlehrerinnen und unseren Museumsführern haben wir es geschafft, die vielfältigen Themen unseres Museums tagtäglich und lebendig zu vermitteln. In zehn Jahren gab es über eintausend Führungen für Kindergärten, Schulklassen, privaten Gruppen, Touristen, etc. Wir haben es geschafft, das Museum seit zehn Jahren ganzjährig mit immer neuen Themen zu füllen und so zu einem Besuchermagnet zu machen.

Sie durften große Erfolge feiern ...

Ja, aber wir mussten auch immer wieder Rückschläge hinnehmen. Die ersten Museumsjahre waren finanziell sehr schwierig, da wir bei Null begonnen hatten. Eine finanzielle Förderung durch öffentliche Stellen gab es zunächst keine. Alle Museumsausgaben wie Grundsteuer an die Stadt Amberg, die Heiz- und Stromkosten, die Versicherungen, Aufsicht, Brandschutz, Reinigung, all das muss durch den Verein aufgebracht werden. Und 2011, da gab es in unserem Haus einen Schwelbrand. Der dadurch entstandene Schaden bedeutete fast das Aus und wir blieben auch auf Kosten, die das Gebäude betreffen, sitzen. Gott sei dank gab es eine Vielzahl an Förderern und Unterstützern - so konnten wir den Neuanfang nach kompletter Innenrenovierung schaffen.

Gemeinhin gilt der Prophet im eigenen Land wenig. Wo erfahren Sie am meisten Wertschätzung für Ihre Arbeit?

Eindeutig und ganz klar: hier vor Ort! Wir haben viele wiederkehrende Besucher aus der Region, von Jung bis Alt. Über die Jahre wurden immer wieder Porträts und Texte über das Luftmuseum in vielen überregionalen Zeitschriften, Zeitungs- und Buchpublikationen publiziert, so dass der Anteil überregionaler und auch internationaler Besucher mehr und mehr zunimmt, wie man dem Gästebuch entnehmen kann. Die große Resonanz spiegelt sich auch in vielen Radio- und TV-Berichten wider. Allein diese Woche haben sich vom Bayerischen Rundfunk verschiedene Teams angesagt, die Bayern 1, für die "Abendschau", für "Wir in Bayern" und die Sendung "Südlicht" vorbeischauen. Und: Zum zweiten Mal wird ein halbstündiges Filmporträt über uns entstehen.

Zu Jahresbeginn haben Sie sich selbst beschenkt - indem Sie im Luftmuseum eigene Arbeiten aus den letzten Jahren und Jahrzehnten gezeigt haben. Jetzt, am kommenden Wochenende, da feiern Sie weiter - und zwar wie?

Die Existenzgrundlage eines ehrenamtlich betriebenen Museums ist immer wieder einmal in der Schwebe. Insofern erscheint es angemessen und hat es geradezu eine innere Evidenz, diesen Zustand zum Jubiläum auch zum Gegenstand einer Ausstellung zu machen. "Schweben - Zwischen Illusion und Präzision" ist einer Anregung des Frankfurter Kulturwissenschaftlers Volker Fischer zu verdanken, der sie auch kuratiert hat. Schweben ist ein gattungsübergreifendes, transdisziplinäres Phänomen. Es ist einerseits eine rationale physikalische Tatsache, andererseits aber auch eine parapsychologische Wunschprojektion.

ServiceOrt: Luftmuseum, Eichenforstgäßchen 12, 92224 Amberg.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 14-17 Uhr, Samstag/Sonntag/Feiertage 11-17 Uhr.

Information: Telefon 09621/420883 (während der Öffnungszeiten).
Wenn Sie auf die nächsten zehn Jahre blicken: Sie haben noch immer Lust auf Luft?

Inwieweit sich der teure Museumsbetrieb auf Dauer ehrenamtlich halten lässt, muss man sehen. Unsere Programmplanungen reichen mittlerweile fast zwei Jahre voraus, und wir legen verstärkt Wert auf internationale Künstlerpersönlichkeiten. Das Museum und der Luftkunstort Amberg haben noch viel Luft nach oben, um als einziger Ort weltweit dieses Medium in Szene zu setzen. Welche Stadt hat schon so viele hochkarätige Firmen, die von der Luft leben? Hier in Amberg gibt's luftgefederte Sitze, Solarluftkollektoren, Druckluftwerkzeuge, Druckluftkupplungen, Luftschutz und auch Luftfiltertechnik. Ich hoffe, dass das auch noch stärker erkannt wird in Zukunft. Denn wir als Museum wollen dazu beitragen, dass den Ambergern die Luft nicht Luft ist!


ProgrammSeit zehn Jahren prägt das Luftmuseum Amberg (Eichenforstgäßchen 12) das kulturelle Angebot der Stadt. Mit der Sonderausstellung "Schweben - Zwischen Illusion und Präzision, Transzendenz und Transparenz" am Samstag, 4. Juni (18.30 Uhr), eröffnet das Museum sein Jubiläum.

"Happy Birthday! Luftboottreffen und Luftmuseumsfest" heißt es am Sonntag, 5. Juni (14 Uhr). Bootsfreunde treffen sich an der Kräuterwiese (14 Uhr) und paddeln Richtung Luftmuseum. Die Teilnahme an der Bootsfahrt ist umsonst. Beim Fest auf dem Eichenforstplatz (14.30 Uhr) unterhält die Knappschaftskapelle Amberg musikalisch, der Ballonkünstler "Herr Mai und die Zwei mit Swing" tritt auf und für Kinder gibt es eine Seifenblasenaktion. Der Eintritt ist von 11 bis 18 Uhr frei.

Das Stadttheater Amberg (Schrannenplatz 8) gibt am Freitag, 17. Juni (19.30 Uhr), für das Museum ein Jubiläumskonzert "Recyklang" . Tickets sind unter Telefon 09621/10233 erhältlich.

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Weitere Informationen:

www.luftmuseum.de
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