Menschliche Macken mit Männerballett

Premierenfieber in Amberg, und das mit einem schon etwas betagten Stück: "Kiss me, Kate". Am Ende gibt es reichlich Jubel für Cole Porters Musical, das immer noch mit Ohrwurm-Melodien, tollen Tanznummern und gelungenen Bühnenüberraschungen auftrumpft.

Das erste Viertelstündchen läuft noch etwas zäh, dann aber rollt sie los - die Show mit Shakespeare und der Schmierentruppe, mit Theater auf und Drama hinter der Bühne. Die "Widerspenstige Zähmung" soll aufgeführt werden, ein Stück mit einer Botschaft (Frauen brauchen eine harte Hand), die alles andere als politisch korrekt ist. Aber egal - Shakespeares Zeitalter ist vorbei. Es lebe die saftig-vitale Revue von Regisseur Hardy Rudolz, der es gar nicht erst mit pseudointellektuellem Gegen-den-Gute-Laune-Strich-Bürsten versucht.

Bewegliches Szenarium

In Amberg bekommt die aufwendige Landgrafproduktion, die in der deutschen Textneufassung von Peter Lund und in Don Sebeskys Broadway-Instrumentierung von 1999 gespielt wird, noch den letzten Tourneeschliff und vom Premierenpublikum am Mittwochabend auch ganz viel Zustimmung. Es passt ja auch alles hervorragend. Bühnenbildnerin Eva Humburg lässt sich ein sehr bewegliches Szenarium mit Treppen und Rampen, Kästen und Lichterketten einfallen. Darin entwickelt ein hochmotiviertes Ensemble das Verschiebe-Spiel von Liebe und Intrigen. Claudia Kuhr kreiert die passenden Kostüme - mal aus der Shakespeare-Zeit, mal aus der großen Musical-Ära, mal ganz modern.

Und die Choreographie-Ideen scheinen Marie-Christin Zeisset nicht auszugehen. In sehenswerten Gruppen- und Soloauftritten arrangiert sie die durchtrainierten Tänzer zu malerischen Bildern, und das trotz beengter Bühnenausmaße. Die musikalische Leitung hat Heiko Lippmann. Und er kann stolz sein auf seine Truppe. "Wunderbar" ist es, wenn sich die als Star-Darstellerin verpflichtete Lilli Vanessi (Beatrix Reiterer) und ihr Ex Fred Graham (Guido Weber) im Duett an alte Zeiten erinnern. Die Protagonisten - stimmlich wie darstellerisch stark - zeigen sich menschlich mit ihren Macken. Sie überzeugen auch als Shakespeares kratzbürstige Katharina und als werbender Petruchio. Katharinas Song "Kampf dem Mann" geht unter die Haut.

Das zweite Paar, das zueinander findet, sind die Darsteller Lois (Sophie Blümel) und Bill (Marco Toth). Unbeschwert kommen die Hit-Songs "Aber treu bin ich nur dir" und "Bianca" über die Rampe. Das Ganoven-Duo (Jan Reimitz, Guido Kleineidam) kann nicht nur mit Pistolen fuchteln, sondern auch mit Leichtigkeit die Steppschuhe in Position bringen. Mit "Schlag nach bei Shakespeare", erntet das Pärchen Applaus.

Gelungener Regie-Gag

Regisseur Hardy Rudolz nimmt die Inszenierung von "Kiss me, Kate" absolut ernst, als Meisterstück des unterhaltenden Musiktheaters, als Story über zwei Menschen und ihre letzte Chance, miteinander glücklich zu werden. Und er wagt einen überraschenden, aber sehr gelungenen Regie-Gag: Hattie, die Frauenrolle der Gardrobiere, überlässt er einem Mann: Nils Schwarzenberg. Als Travestiekünstler mit Kleiderschürze am Bügelbrett und als großer Star im Glitzerfummel mit sexy Männerballett an der Seite und dem Song "Wenn man mich nur ließ", ist er umwerfend komisch und tiefgründig ernst zugleich.

Die Big Band des Bulgarischen Nationalen Rundfunks brilliert in den Swingklassikern, die Musicalsänger machen ihre Sache sehr gut, die Tänzerinnen und Tänzer sind ausgezeichnet. Die Tourneeproduktion kann ihren Weg durch Deutschland, Österreich, Schweiz und Südtirol mit großem Selbstbewusstsein antreten.
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