Metaphysische Dreierbeziehung

Emotionsgeladene Porträts von Sportlerinnen zeigt Changhee Nam im Amberger Kunstkombinat. Bild: Wolfgang Steinbacher

Groß, beeindruckend, ja überwältigend sind die Porträts von Sportlerinnen, die Changhee Nam derzeit im Amberger Kunstkombinat zeigt. Auf Einladung des A.K.T.-Kunstvereins kam der südkoreanische Künstler nach Amberg um am Freitagabend seine Ausstellung zu eröffnen.

Der deutsche Expressionismus übte eine derartige Anziehungskraft auf den Mann aus dem Fernen Osten aus, dass er nach seinem Studium in seiner Heimat nach Deutschland kam, um in Nürnberg seiner Entwicklung neue Impulse zu geben. Die erhielt er von Professor Peter Angermann, der ihn auch bald zu seinem Meisterschüler machte. Zurecht, wenn man die meisterhaften, tatsächlich dem Expressionismus verpflichteten Werke von Changhee Nam einer genaueren Betrachtung unterzieht. Am besten kann man diese monumentalen Gemälde allerdings bewundern, wenn man völlig allein in der Mitte der Galerie steht und sich langsam um die eigene Achse dreht. Dann nämlich hat man die passende Entfernung von den Bildern um sie mit einem Blick zu erfassen.

Vielsagender Blick

Changhee Nam malt die Sportlerinnen in den wohl emotionalsten Augenblicken. Schmerzverzerrte Gesichter von Gewichtheberinnen, eine Wettkampfsiegerin, die sich die Freudentränen aus den Augenwinkeln wischt und eine Zweitplatzierte, die ihre Enttäuschung hinter einem statuenhaft leeren und doch vielsagenden Blick in die Ferne verbirgt.

"Ich sehe jeden Tag die Gesichter vieler Menschen. In den Gesichtern versuche ich meine eigenen Gefühle zu erkennen." Mit diesen Worten Changhee Nams leitet Johann Sturcz die kurze Einführung in das Werk seines Freundes und Künstlerkollegen ein und fährt fort: "Dieser zunächst kryptische Gedanke eines Künstlers, der das Malen anderer Gesichter gewissermaßen als Selbstporträt auffasst, spricht von intensiven in Beziehung setzen der eigenen Realität mit der seiner Mitmenschen." Und wirklich sind die Gefühle, die Changhee Nam bei seinen "Objekten" wahrnimmt und meisterhaft mit Öl, Tusche und Acryl auf koreanischem Reispapier festhält, offensichtlich so intensiv vom Künstler empfunden, dass man von einer metaphsysischen Symbiose von Schöpfer und Werk sprechen kann, in die auch der Betrachter einbezogen wird, wenn er sich auf eine solche "Dreierbeziehung" einlässt.

Fotos als Vorlagen

Johann Sturcz erläutert auch ausführlich die Arbeitsweise von Changhee Nam. Unmengen von Fotografien in Zeitschriften und dem Internet bilden das Inventar, in dem der Künstler seine "Modelle" findet. Fotos sind deshalb für ihr die besten Vorlagen, weil sie den Moment einfangen, genau die Sekunde, die er mit seinen Werkzeugen festhalten, verändern und dem starren Bild Leben einhauchen will, um daraus "sein" Werk zu schaffen. Wenn er die Motivtauglichkeit eines Fotos festgestellt hat, nimmt er daran digitale Veränderungen vor. Die jeweilige Auflösung oder Komprimierung, das Spiel mit Kontrastveränderungen und Farbabstufungen gibt den Vorlagen einen völlig neuen Charakter. Wer sich für diese Vorarbeiten interessiert, kann im Nebenraum der Galerie im Kunstkombinat einige Exemplare in verschiedenen Bearbeitungsstufen sehen.

Die eigentlichen Bilder entstehen dann auf dem Hanji genannten koreanischen Reispapier, das mit Stärke in mehreren Lagen verleimt wird und dadurch eine erstaunlich widerstandfähige und robuste Grundlage bildet, auf der Changhee Nam, je nach gewünschtem Farbverlauf, aufrecht oder liegend seine Farben aufträgt. Wenn er stehend malt, braucht er einen langen Stabpinsel, denn die Bilder erreichen oftmals eine Höhe von annähernd drei Metern. Und der kräftige Pinselstrich, eine Reminiszenz an die geliebten Expressionisten, erhöht die kleinformatigen Sportfotos aus den Magazinen zu Kunstwerken einer eigenen Art, die - auch bedingt durch die Farbgebung - viele Schattierungen des menschlichen Gefühlslebens erhalten - weg von der reinen Abbildung des Äußeren und hin zu einer höchst emotional empfundenen Darstellung des Seelenlebens der Sportlerinnen.

Von Jugend zur Reife

Nam nennt seine Ausstellung "Übergang" und begründet es damit, dass er sich jetzt, gerade vierzig Jahre alt, an einem persönlichen und künstlerischen Übergang von der Jugend zur Reife des Alters steht. Man kann gespannt sein, was uns der koreanische Künstler in den nächsten Jahren präsentieren wird.

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Die aktuellen Werke aus seiner "Jugendphase" sind noch bis zum 2. August im Amberger Kunstkombinat A.K.T (Neustift 47) zu sehen. Öffnungszeiten: Freitag von 15 bis 18 Uhr und Samstag von 14 bis 18 Uhr.
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