Michael Jürgs stellt in Amberg sein Buch "Wer wir waren, wer wir sind" vor
Auf Tuchfühlung mit dem WAA-Protest

Ein Wiedersehen gab es in Amberg für Michael Jürgs (sitzend) und Helmut Wilhelm (rechts): Für die Recherche zu seinem Wackersdorf-Kapitel hatte sich Jürgs rund um das geplante WAA-Gelände mit dem pensionierten Richter getroffen. Bild: Stiegler
Kultur
Amberg in der Oberpfalz
25.01.2016
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Potsdam, Herrenchiemsee, die Wartburg: Es sind geschichtsträchtige Orte, die Michael Jürgs für sein neues Buch besucht hat. Bei seiner Lesung am Freitag in der Buchhandlung Rupprecht in Amberg macht der renommierte Journalist deutlich, dass ein kleiner Ort in der Oberpfalz in dieser ganz persönlichen Auflistung nicht fehlen darf.

Der "lachende Richter"


Es sind eigentlich zwei Männer fast gleichen Alters, die während der Lesung die Hauptrolle spielen. Auf dem Podium sitzt Michael Jürgs, früherer Chefredakteur der Zeitschriften "Stern" und "Tempo" sowie Biograf von Romy Schneider, Axel Springer und Günter Grass. 25 Orte in Deutschland hat Jürgs insgesamt bereist, Schauplätze mit einer großen historischen Bedeutung für Deutschland.

Einer dieser Orte liegt in der Oberpfalz - nämlich Wackersdorf. Begleitet wurde er dort vom - so ist das Kapitel überschrieben - "lachenden Richter" Helmut Wilhelm. Jener Wilhelm, bekannt geworden als leidenschaftlicher Kämpfer gegen die geplante WAA in Wackersdorf, sitzt auch im Publikum während der Lesung. Mehrmals wird er in dem Kapitel zu Wort kommen, das Jürgs an diesem Abend in seiner Gänze vorliest. Spannend und anschaulich holt der Autor die 80er Jahre ins Bewusstsein der Zuhörer zurück und nähert sich der Thematik an.

"Wer wir waren, wer wird sind. Wie Deutsche ihre Geschichte erleben" heißt das knapp 400-seitige Buch aus der Feder von Michael Jürgs. An die Auswahl seiner Stationen hat der Autor gewisse Maßstäbe angelegt: Der Ort muss erstens wesentlich in der deutschen Geschichte gewesen sein und er muss zweitens als Schauplatz für Deutsche so viel Anziehungskraft ausstrahlen, dass sie als Touristen dorthin reisen, um vor Ort ihre Geschichte zu erleben. "Die Loreley zum Beispiel erfüllt diese Voraussetzungen nicht", so Jürgs. Denn es existiere keine nachprüfbare, keine mit handfesten Fakten zu belegende wahre Geschichte. Jürgs räumt ein, dass seine Auswahl der Orte natürlich auch subjektiv sei - und deshalb auch unvollständig und angreifbar.

Mit viel Sympathie


Der Autor nähert sich seinen Sujets journalistisch an, nicht als Historiker. Im Wackersdorf-Kapitel macht er keinen Hehl daraus, dass er selbst von den WAA-Plänen nichts gehalten hat. Deshalb verwundert es auch nicht, dass sein Besuch in der Oberpfalz und das Treffen mit Helmut Wilhelm mit sehr viel Sympathie für den ehemaligen Richter und dessen Anliegen niedergeschrieben ist.

Jürgs schreibt von einem "blutigen Bürgerkrieg, wie es ihn niemals zuvor und niemals mehr danach in der Republik gegeben hat", von einer Zeit, in der "demokratische Politiker in die Sprache von Landsknechten verfielen" und "gewählte Volksvertreter nicht die Interessen des Volkes, sondern die der Atomindustrie vertraten". Profund und schlüssig zeigt der Autor auf, wie sich Wackersdorf von "irgendeinem Nest in der Oberpfalz" zum "symbolischen Ort des Widerstands" entwickelt hat. Besonders im Blick hat Jürgs dabei die Geschichte von Helmut Wilhelm, der sich als Richter und früheres CSU-Mitglied zahlreichen Anfeindungen und Gängelungen von Partei und Staat ausgesetzt gesehen habe, dabei aber stets konsequent seiner Linie treu geblieben sei. "Es hat viel gebracht, sich nicht kleinkriegen zu lassen. Niedergemacht wird man nur, wenn man sich niedermachen lässt", wird Wilhelm von Jürgs zitiert.

Weitere Orte, zu denen Jürgs die Leser mitnimmt, sind beispielsweise Bismarcks Friedrichsruh, das DFB-Museum in Dortmund ("In einer zweiten Auflage muss ich dieses Kapitel natürlich aktualisieren"), Krupps "Villa Hügel", das Stasi-Gefängnis Berlin-Hohenschönhausen sowie das Konzentrationslager Buchenwald. Entstanden ist so ein lesenswertes geschichtliches Kaleidoskop, in dem Jürgs immer wieder auch Neues und Überraschendes ausgräbt.
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