Mit 105 nach Schlaganfall im Partystress

Er ist der berühmteste Partygast: Eldar Gasimov gewann 2011 den Eurovision Song Contest in Düsseldorf. Damals begegnete er Ella Kastner zum ersten Mal. Von ihr habe er seitdem gelernt, das Leben zu lieben.

"Ach wo, das ist nicht anstrengend! Schlafen kann ich doch nachts!", sagte Eleonore Kastner, als sie ihren 100. Geburtstag feierte. Fünf Jahre später bittet sie ihre Gäste erneut ins ACC. Genauer gesagt ist es ihr Enkel Günther, der einlädt. Denn Oma Ella ist mittlerweile 105.

Amberg. "Sie ist im Moment a bissl sehr schwach", verrät Günther Kastner, als ich ihn am Samstag nach der Jubilarin frage. Rund 70 Gäste, von denen ein Großteil bis zu 59 Euro Eintritt gezahlt hat, warten zu diesem Zeitpunkt schon sehnsüchtig auf die 105-Jährige, die sich noch in einem Hotelzimmer befindet, von einer gerade erst überstandenen Lungenentzündung und einem Schlaganfall geschwächt ist. Der Kurztripp auf Sardinien, wo unter der Woche Geburtstag gefeiert wurde, habe seiner Großmutter sehr gut getan, erzählt der Enkel, doch jetzt sei Oma Ella auch wegen des langen Flugs eher müde.

Es ist 15.35 Uhr, als Ella unter Beifall in den großen Saal geschoben wird. Die Hände hat sie wie zum Gebet gefaltet. Immer wieder schließt sie ihre Augen, die gebürtige Kelheimerin, die in Amberg die meiste Zeit ihres Lebens verbracht hat und hier noch eine kleine Wohnung besitzt. Die Frau scheint es zu genießen, als Martin Preuß sie umarmt. Sie kennt ihn nicht als Bürgermeister, sondern als kleinen Buben, dessen Kindermädchen sie war. Preuß erinnert sich an eine schöne Zeit: "Sie hat mit uns sogar Fußball gespielt."

Sie lächelt und nickt

Ella Kastner lächelt und nickt. Das macht sie auch, als Kollegin Teresa Schaal von Oberpfalz TV wissen will: "Wie geht es Ihnen? Geht es Ihnen gut?". Als ich Ella persönlich und im Namen der Amberger Zeitung gratuliere, drückt sie meine Hand nicht so fest wie früher, auch der Augenkontakt ist kürzer. Ob sie noch weiß, wer ich bin? Ich habe große Zweifel. Unser letztes Treffen liegt 20 Monate zurück. Damals hatte Christina Wright aus Milwaukee den Wettbewerb eines amerikanischen Reiseveranstalter gewonnen und sich ein Treffen mit Ella Kastner gewünscht.

Die Amerikanerin hat sich nicht auf den Weg ins ACC gemacht, gratulierte aber per Facebook: "Ich schätze wirklich die Zeit, die wir gemeinsam in Deutschland verbringen konnten. Ich hoffe, Sie genießen Ihren Tag." Tage, um genau zu sein, denn die Feierlichkeiten begannen unter der Woche auf Sardinien und gingen in Ella Kastners Geburtsstadt Kelheim weiter, wo am Donnerstag Dilara Kazimova für die 105-Jährige sang. Die Aserbaidschanerin hatte ihr Land im Mai beim Eurovision Song Contest vertreten und war auf Platz 22 gelandet. Wesentlich erfolgreicher war bei diesem Wettbewerb Eldar Gasimov. Er hatte 2011 triumphiert und ist am Samstag der Stargast. Doch in dieser Rolle sieht der 25-Jährige eher die Jubilarin: "Ich bin sehr stolz, dass ich hier bin. Man muss dieses Leben lieben. Das hat mich Oma Ella gelehrt." Auf der Bühne stehend sagt er: "Danke, Eleonore Kastner."

Kritik im Vorfeld

Dennoch halten im Vorfeld viele Amberger das Spektakel für übertrieben, kritisieren in E-Mails und Anrufen "die Vermarktung" der 105-Jährigen - und die Tatsache, dass der als quasi Manager auftretende Enkel Eintritt verlangt. Wer an beiden Tagen Gast sein will, zahlt 59 Euro - inklusive Essen und Showprogramm. Günther Kastner, der über den ganzen Globus verteilt mehr als 500 Gäste eingeladen hat, rechtfertigt sich: "Ich habe mir gedacht, das ist für Amberg etwas Schönes. Wann bekommt man schon einen Maskentanz aus dem Himalaya zu sehen?" - In der Tat: Im ACC treten unter anderem auch Sängerinnen aus Bhutan und Malaysia auf, Theaterspieler aus Frankreich, die kultige Drehorgelspielerin Primel Paula und Transvestit Kiki Cessler aus Berlin sowie Yvonne und Tim Börschel, die eine Zombie-Show zeigen. "Wir sind erst vor zwei Tagen aus Paris gekommen und haben uns gesagt, dass hier in Amberg muss einfach sein", sagt der Darsteller eines furchteinflößenden Untoten, der Ella vom Münchner Oktoberfest kennt. Denn dort ist die älteste Ambergerin Stammgast. Regisseur Andreas Feller ist aus Berlin gekommen. Er hatte Ella Kastner eine Statistenrolle in einem seiner Filme verschafft.

Sie alle sind laut Günther Kastner bereit, auf Gagen zu verzichten. Lediglich die Übernachtungen würden bezahlt: "Es sind nur Menschen hier, die Oma kennen. Wir hätten das Ganze auch in Berlin machen können. Aber Oma liebt Amberg." Auf die Frage, ob die Party nach dem Sardinien-Urlaub, einer Lungenentzündung und einem Schlaganfall des Guten zu viel für eine 105-Jährige sei, antwortete der Enkel: "Ihr Arzt sagt, sie braucht visuelle Reize. Dadurch wird sie munter und baut nicht so schnell ab." Und: "Wir machen nichts gegen ihren Willen. Jeder, der sie kennt, weiß, dass sie das genießt." Nur artikulieren kann das Eleonore Kastner am Wochenende nicht. Der einzige Satz, den ich von ihr höre, ist: "Ich liebe alle, die mich kennen."
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