Mit der Glaskathedrale möchte Amberg "Gropius-Stadt" werden
Raus aus dem Versteck!

Was da als "Glaskathedrale" in einer Länge von 100 Metern hinter der grünen Talsenke am Bergsteig auftaucht, ist nach Einschätzung von Baureferent Markus Kühne und des Stadtrats ein "Hidden Champion", ein bedeutendes Bauwerk von Walter Gropius, das fast in Vergessenheit geraten ist, obwohl es von seiner architektonischen Finesse her womöglich sogar das Zeug zum Weltkulturerbe hätte. Bild: Steinbacher
Kultur
Amberg in der Oberpfalz
21.06.2016
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Wolfgang Dersch (links) hatte Gropius-Assistent Alexander Cvijanovic den Baukulturführer über die Glaskathedrale mitgebracht.

"Amberg ist auch eine Gropius-Stadt!" Fast flehentlich wirken die Worte im Pressetext von Wolfgang Dersch. Um den Beweis dafür anzutreten, flogen der Kulturreferent und sein Kollege Markus Kühne vom Baureferat nach Boston.

Am Montag berichtete Kühne dem Stadtrat darüber. Hintergrund der Geschichte ist das Bemühen, die Glaskathedrale am Bergsteig, wo die Firma Nachtmann vor allem Weingläser herstellt, stärker ins öffentliche Bewusstsein zu rücken. Denn sie ist das letzte Werk des weltberühmten Architekten und Bauhaus-Gründers Walter Gropius (1883-1969), gilt bei Experten als "Bayerns wichtigster Industriebau", ist aber, "was seine Bekanntheit anbelangt, in eine Art Dornröschenschlaf verfallen" (Dersch).

"Wir wissen vom letzten Bauwerk von Gropius nicht viel", gab auch Kühne zu. Weil aber 2019 das 100-jährige Jubiläum der Bauhaus-Gründung ansteht und 2020 das 50-Jährige der Glaskathedralen-Einweihung, möchte die Stadt eine ausführliche Dokumentation dazu erstellen. In Amberg fand sich dafür aber kaum Material. Erst als die Spurensucher darauf kamen, dass Alexander Cvijanovic noch lebt, ergaben sich Fortschritte. Der heute 92-jährige Bostoner war der Ziehsohn von Gropius und sein Assistent bei der Glaskathedralen-Auftragsarbeit für die Firma Rosenthal aus Selb.

"Alle sehr berührt"


Also flogen Kühne und Dersch in die USA und stellten bei Gesprächen mit Cvijanovic und weiteren Mitarbeitern von Gropius schnell fest: "Das Projekt in Amberg muss alle sehr berührt haben." Der emotionale Höhepunkt der Forschungsreise war für Kühne, "als wir Zutritt zum Wohnhaus von Gropius bekamen und in seiner Bibliothek Bücher über Amberg fanden. Das war sehr bewegend." Dort sowie im Archiv der Eliteuniversität Massachusetts Institute of Technology stießen die Amberger auf so viele Pläne, Fotos, Skizzen und Entwurfszeichnungen, dass eine ausführliche Dokumentation zur Glaskathedrale jetzt kein Problem mehr ist. Kühne versprach: "Wir wollen alles tun, um sie ins Bewusstsein einer breiten Öffentlichkeit zu rücken."

Der Baureferent bezeichnete das ungewöhnliche Gebäude als "Hidden Champion" (heimlicher Gewinner), und auch OB Michael Cerny fand, dass es "bei uns etwas versteckt ist"; andere Bauten von Gropius seien inzwischen offiziell Weltkulturerbe.

Erst mal dokumentieren


Die Stadträte waren voll des Lobes über die Aktivitäten von Kühne und Dersch und hießen ihre weiteren Pläne gut. Vor Aktionen in Richtung einer Bewerbung als Unesco-Weltkulturerbe möchte Cerny aber zuerst die Dokumentation abschließen, "damit man erkennt, das ist der Schlussstein eines Architekten, der eine ganze Epoche geprägt hat".

Ob der Eigentümer der Glaskathedrale an der gesteigerten Aufmerksamkeit interessiert sei, wollte Helmut Weigl (CSU) wissen. Kühne berichtete von einer hervorragenden Zusammenarbeit mit der Nachtmann-Gruppe und zerstreute Bedenken, dass die fortwährende Nutzung des Gebäudes zu Problemen führe: "Produktion ist der beste Denkmalschutz."

Ein ganz neues Bild der Stadt - Angemerkt von Markus MüllerWenn Baureferent Markus Kühne im Stadtrat etwas vorträgt, erinnert er gelegentlich an Herbert Grönemeyer: Er neigt zum Nuscheln. Als er am Montag über Walter Gropius und die Glaskathedrale sprach, erinnerte er aber eher an Dietrich Grönemeyer (den Bruder, der Professor ist): Kühne dozierte. Und zwar mustergültig sowie mit spürbarer Begeisterung. Mit vielen Bildern an der Leinwand und den kleinen Geschichten, die dem Zuhörer im Gedächtnis bleiben: Wie jedem, der die Wohnung von Alexander Cvijanovic betritt, sofort die beiden Bilder von der Glaskathedrale ins Auge fallen. Wie ein damals 25 Jahre alter Mitarbeiter von Gropius bei der Erwähnung des Amberger Bauwerks lächelnd die ausgestreckten Hände zur charakteristischen Dachform aufstellte.

Wer sich als unbedarfter Zuhörer zunächst noch fragte, in welche Vorlesung über Architekturgeschichte er da hineingeraten war, erkannte später den Sinn der Ausführungen: Amberg will "Gropius-Stadt" werden und damit sowohl Architektur-Studenten als auch Touristen anlocken. Sogar die Idee von der Glaskathedrale als Unesco-Weltkulturerbe schwebte durch den Rathaussaal. Damit könnte die Stadt tatsächlich ihr Image in einem bisher unterentwickelten Gebiet aufpolieren.

Ein Erfolg auf dieser Ebene würde womöglich sogar die Scharte auswetzen, dass man bei der Bewerbung für die Landesausstellung zum Thema Bier gegen Aldersbach den Kürzeren zog. Denn merke: Der Höhenflug, den man mit Bier erreicht, ist flüchtig, vergänglich, nicht frei von Nachwirkungen. Eine Glaskathedrale dagegen ist als "Schlussstein im beispiellosen Lebenswerk von Walter Gropius" (Kühne) ein unverrückbares Monument, auf das sich ein ganz neues Bild einer Stadt bauen lässt.


Zitate:
"Gerade, weil es bei der Glasproduktion so heiß hergeht, wussten wir: Die Arbeiter schwitzen ungeheuer. Und das wollten wir durch das hochmoderne Lüftungskonzept verhindern. Außerdem wollten wir, dass in die Halle so viel natürliches Licht wie möglich fallen kann. Ich glaube, das ist uns ganz gut gelungen."

Alexander Cvijanovic laut der Presseinfo von Wolfgang Dersch

"Der Bergsteig hat ein Recht, stolz zu sein auf das, was dort entstanden ist."

OB Michael Cerny könnte sich deshalb sogar vorstellen, dass man das Viertel nach dem Gropius-Bau nennt
1 Kommentar
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Hans-Georg Schiessl aus Amberg in der Oberpfalz | 23.06.2016 | 09:22  
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