Mozart der Gewinner des Abends

Das Deutsche Radio Kammerorchester gastierte in Amberg. Bild: Steinbacher

"Wir stehen da und sehn betroffen, den Vorhang zu und manche Frage offen." Diese Abwandlung des Brecht-Zitats spukt am Samstag im Stadttheater herum. Inspiriert dazu hat das routiniert und zuverlässig agierende Deutsche Radio Kammerorchester (DRKO) unter der Leitung von Martin Fischer-Dieskau.

Das DRKO hat sich wiederum von Mörikes Novelle zu seinem Programm mit dem Motto "Mozarts Reise nach Prag" inspirieren lassen. Seine Sinfonie KV 201 schrieb dieser 1774 mit 18 Jahren in Salzburg, nach einer Italien-Reise. In Bologna hatte er 1770 den 33-jährigen Myslivecek und seine Musik kennen gelernt. Das Klavierkonzert Es-Dur KV 271 für die Pianistin Louise Jenamy (nicht "Jeunehomme", wie Martin Lorenz 2004 belegte) entstand 1777 in Salzburg. Bezug zu einer Prag-Reise? Schon stehen erste Fragen im Raum.

Drei charmante Sätze

Von dem böhmischen Komponisten Josef Myslivecek (1737-1781) hören wir eingangs eine seiner acht C-Dur Symphonien, aber welche nur? Welcher konkrete Bezug zu Mozart? Eh wir's uns besinnen, rauscht sie mit ihren drei charmanten Sätzen in knapp zehn Minuten wortreich, mit vielen Motivwiederholungen und -sequenzen vorüber. Es werden 60 Minuten genialer Mozart folgen, wurde da nicht ein Dackel vor die goldene Kutsche gespannt? Beim Klavierkonzert erleben wir dann Söhne berühmter Väter am Dirigierpult und an den Tasten. Der Pianist Jeremy Menuhin geht Mozarts Jugendwerk mit souveräner Altersreife an und hüllt es ehrfürchtig-weihevoll in Samt und Seide. Weg, weg mit den jugendlich-feurigen Kontrasten der Partitur, mit den hitzigen Emotionen. Entschärfen, mildern, abwiegeln, Kotau vor Mozarts Genie heißt die Devise.

Der altersweise Mozart scheint wehmütig auf seine Jugend zurück zu blicken, oder etwa nicht? So oder so - das Opus sprüht vor Einfällen, die damalige Form-Konventionen über den Haufen werfen: Klaviereinsatz vor dem Eingangsritornell, Menuett-Einschub im virtuosen Schlusssatz. Als Zugabe trifft uns eine impressionistische Klavier-Dusche: "Gärten im Regen" des Franzosen Debussy. Droht ein Klimawandel zwischen Salzburg und Prag? Es folgt die Sinfonie KV 201 mit ausgebreiteten Wiederholungen. Bilden die drei Stücke nicht ein etwas dünnbrettriges Programm?

Fahrig dirigiert

Die thematisch passende "Prager Sinfonie" KV 504 hätte zehn statt vier Bläser plus Pauke verlangt - wir verstehen. KV 201 ist ein geistblitzendes Werk, schon mit 18 spielt Mozart ganz oben in der Premiumliga. Schon hier liegt jeder Ton auf der Goldwaage. Der Dirigent hat offenbar nicht ausufernd gewogen und geprobt. Sein fahriges, manchmal herrisches, wenig vorausschauendes Dirigat schafft nicht immer klare Struktur und präzise Koordination.

Der sichere Konzertmeister wird's schon richten. Furios stürzt man sich in das Finale, die hohen Hornstellen gelingen. Der Gewinner des Abends heißt Mozart.
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