Neue Prechtl-Schau
Feiner Strich, feiner Humor

Inspiriert von Albrecht Dürers "Weiher im Walde" hat Michael Mathias Prechtl 11971 der Natur das ökologische Dilemma unserer Gegenwart eingezeichnet. Bilder: Huber (8)
Kultur
Amberg in der Oberpfalz
15.04.2016
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In den 1960er Jahren entdeckt Michael Mathias Prechtl während einer Frankreichreise die Landschafts- und Architekturmalerei für sich und malt Chartres die berühmte Kathedrale.

Michael Mathias Prechtl bediente sich stets im Fundus der Kunstgeschichte wie bei einem Raubzug durch die Archive - und griff bei Dürer ebenso zu wie bei Arcimboldo oder Dix. Dabei schien er sich an Winckelmann zu orientieren, der einst formuliert hatte: "Der einzige Weg, unnachahmlich zu werden, ist die Nachahmung der Alten."

Mit dem Satz "Es war einmal" beginnen Märchen. Und die enden, nach anfänglicher Tragik, zwischenzeitlicher Verwicklung und schließlicher Katastrophe dann doch durch das Eingreifen wohlgesonnener Figuren recht oft glücklich. Soll man also das, was sich zwischen der Stadt Amberg und ihrem nachmals in aller Welt so berühmten Sohn, dem 2003 verstorbenen Maler Michael Mathias Prechtl vollzog, nicht doch auch als Märchen bezeichnen?

Als eine Geschichte, die von einem handelt, der seiner krallenbewehrten Vaterstadt 1950 im Alter von 24 Jahren den Rücken kehren muss, auszieht und drüben, in Nürnberg, Karriere macht? Aufträge erhält, Titelseiten für den "Spiegel" zu zeichnen, für die "New York Times" und für Buchpublikationen der "Büchergilde Gutenberg"? Der über feinen Humor verfügt und für seinen feinen Pinselstrich ebenso geschätzt wird wie für seine Technik, Finger- und Handabdrücke auf der Maloberfläche zu hinterlassen? Dem wegen seiner Vertrautheit mit der Kunstgeschichte bald der Ehrentitel "Dürer unserer Zeit" verliehen wird? Und dem 2011, sieben Jahre nach seinem Tod, der Kulturpreis der Stadt Amberg verliehen wird?

Vom Kabinett zur Schau


Ab Sonntag, 17. April, lässt sich mit gutem Gewissen über die alten Geschichten sagen: Schwamm drüber! Es war einmal! Denn was bisher, ein bisschen verschämt im Erdgeschoss des Stadtmuseums als kleinformatiges Prechtl-Kabinett zu sehen war, wird jetzt als großformatige, ein ganzes Stockwerk füllende Prechtl-Schau präsentiert. "Mit ganz neuer Konzeption, und unterstützt von jeder Menge Multimedia", wie sich Museumsleiterin Judith von Rauchbauer freut, werden rund 200 Arbeiten des Meisters in Dauerleihgabe zu sehen sein.

Und für den Fall, dass sich wirklich jemand noch beschweren möchte, etwa über fehlende Orchestrierung dieses Ereignisses durch die Presse, dem sei zur Lektüre das US-Design-Magazin "Print" empfohlen, in seiner Ausgabe vom 6. April 2016: Darin steht zu lesen, dass Michael Mathias Prechtl nicht nur, der berühmteste und beste Grafiker seiner Generation gewesen sei - sondern dass Ambergs Kulturreferent Wolfgang Dersch gemeinsam mit dem von ihm aus der Taufe gehobenen Fördervereins verantwortlich zeichne, für diese Wiederauferstehung. Amberg in einer amerikanischen Zeitschrift! Man sieht es Wolfgang Dersch richtig an, wie stolz er ist über dieses Echo von Steven Heller. Der war jahrelang bei der "New York Times" als Art Director zuständig für die berühmte "op-ed"-Seite ("Opposite the Editorial Page" - in englischsprachigen Ländern wird die Kommentatorenseite in Tageszeitungen so genannt, weil sie dem Editorial gegenübergestellt ist) und arbeitete intensiv mit Prechtl zusammen (obwohl sie einander nie persönlich begegneten).

Diese Blätter sind - inklusive des berühmten Willy-Brandt-Porträts von 1971 - in der Prechtl-Schau ebenso komplett vorhanden wie die für den "Spiegel" entstandenen Titelseiten. 2004, als Stefan Aust noch Chefredakteur war, da zeigte er sich nicht weniger vollmundig wie seine amerikanischen Kollegen: "Michael Matthias Prechtl ist der bedeutendste Illustrator Deutschlands, ein weltweit geschätzter Künstler."

Prechtl wieder daheim


Die Verantwortlichen bei der Stadt Amberg dürfen wirklich zufrieden sein über diese Investition in ihren berühmten Maler-Sohn. "Mit dieser Schau erhält Prechtl endlich die Bühne, die ihm und seinem Lebenswerk gebührt!", sagt Dersch und führt von Raum zu Raum. Betritt man die Ausstellung, so werden die Besucher vom Künstler höchstpersönlich begrüßt, in einer extra produzierten Videoanimation. Judith von Rauchbauer hat den kleinen Film getextet und freut sich wie ein Kind, wenn sie den animierten Vollbartträger lächeln und seinen Pinsel führen sieht.

Diese Schau ist wirklich eine Schau. Weil die 200 Arbeiten auf der Höhe der Zeit präsentiert werden. Weil auf Bildschirmen biografische Hintergründe erklärt werden. Weil mittels Beamerprojektionen Details vergrößert werden. Und natürlich: Weil Prechtls Werk immer wieder und aufs Neue zu begeistern vermag. Nicht nur, was dessen überwältigende Vielfalt anbelangt und die Sicherheit in der Darstellung. Sondern auch, was Prechtls Fantasie betrifft und seinen Mut zur Kombination. Da ist etwa das großformatige "Dreikönigstreffen", ein Bild in altmeisterlicher Manier, auf dem sich quer durch die Epochen hindurch Sonnenkönig Ludwig XIV., Märchenkönig Ludwig II. und Louis Armstrong, der Trompeten-König aus New Orleans, begegnen. Vor winterlicher Landschaft und an fränkische Dörfer gemahnende Fachwerkhäusern.

Recherchiert man in alten Spiegel-Heften, so stößt man recht häufig auf den Namen von Michael Mathias Prechtl. Aber: Stets ist zu lesen, der Künstler sei ein "Nürnberger". Mit dieser Schau gelingt es dem Stadtmuseum Amberg, dieses Merkmal mit einem "Es war einmal" zu versehen und seinem verlorenen Sohn eine im Rang angemessene Heimstatt zu bieten. Und Michael Mathias Prechtl wieder heimzuholen. Endlich.

Mit dieser Schau erhält Prechtl endlich die Bühne, die ihm und seinem Lebenswerk gebührt!Wolfgang Dersch, Kulturreferent



ServiceAusstellung: Neue Dauerausstellung "A Tribute to Michael Mathias Prechtl".

Ort: Stadtmuseum Amberg, Zeughausstraße 18, 92224 Amberg.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 11-16 Uhr, Samstag/Sonntag 11-17 Uhr.

Info-Telefon: 09621/10284; stadtmuseum@amberg.de

Weitere Informationen:

www.stadtmuseum.amberg.de

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