"Nicht-arische Arien"

Die Nostalphoniker mit Andreas Burkhart (Bariton), Jan C. Golch (Klavier, Arrangements), Marco Cilic (Tenor), Peter Cismarescu (Tenor), Marc Megele (Tenor) und Markus Scharpf (Bass) bieten bei den Rathauskonzerten ein großes Repertoire - von Witz, Ironie bis zum bitteren Ernst. Bild: Petra Hartl

Begeisterung und zugleich auch Nachdenklichkeit wecken die Münchener Nostalphoniker beim Konzert im Amberger Rathaussaal. Mit beidem überzeugen sie das Publikum - und noch mit viel mehr.

Glorie, Schicksal und der Fall der "Comedian Harmonists" in den 30er-Jahren faszinieren, berühren und erschüttern - spätestens seit Joseph Vilsmeiers gleichnamigem Film von 1997. Er öffnete Augen und Ohren dafür, welche politische Dimensionen Musik haben kann.

Die sechs in München beheimateten Nostalphoniker (fünf Vokalisten sowie Pianist und Arrangeur Jan C. Golch) servieren ein brillant konzipiertes Programm. Sie liefern eine hinreißende, nahezu perfekte Performance ab, die aber auch sehr nachdenklich stimmt. Viele der 15 Songs stammen aus dem Repertoire der Harmonists, von Filmmusik-Autoren wie beispielsweise Rolf Marbot ("Mein kleiner grüner Kaktus").

Die Nostalphoniker kredenzen gesungene Instrumentalstücke wie die betextete "Humoreske" von Antonín Dvorák und die virtuos und witzig servierte Kurzfassung der Rossini-Ouvertüre zum "Barbier von Sevilla". Diese reicht fast an die mit unnachahmlich britischem Humor geimpfte A-cappella-Version der King's Singers heran. A propos a capella: Schade, dass die Fünf ihre hervorragend breite Klangpalette nicht auch mal ohne Klavier zeigen.

Weiches Timbre

Zwischen den Liedern hören wir vorzüglich rezitierte Briefwechsel mit dem Konzertveranstalter Gensberger um Auftritte und Auftrittsverbote. Joseph Goebbels hatte im März 1934 angeordnet, dass nur Mitglieder der Reichsmusikkammer (Präsident 1933-1935: Der politisch naive Richard Strauss) öffentlich auftreten dürfen. Mitglieder konnten nur "Arier" werden, keine Juden.

Die "Comedian Harmonists" hatten aber drei Nicht-Arier in ihren Reihen. Dazu kam, dass sie Lieder von nicht-arischen Komponisten im Gepäck hatten, "nicht-arische Arien" (Georg Kreisler) sozusagen. Auch die lockere Moral der lebenslustigen Texte, gesungen von sensiblen Männern mit weichem Timbre und verführerischem Charme, passte nicht zur Staatsraison.

Bereichert um diese historisch aufklärende Dimension stehen den Nostalphonikern viele Freiheiten offen: Sie können mit Witz, mit Ironie, mit Show, ulkigem Klamauk und bitterem Ernst jonglieren, ohne dass die Performance auch nur in die Nähe von Plattheit, Oberflächlichkeit oder Effekthascherei gerät. Und so schauspielern, tanzen und singen sie, dass es eine helle Freude ist. Wir gehen besser gelaunt und klüger aus dem Saal, wir haben für's Leben gelernt: "Let's misbehave", "Ein bisschen Leichtsinn kann nicht schaden", "So ein Kuss kommt von allein".

Viel Doppelsinn

Die Fünf agieren mit einer kräftigen Portion Doppelsinn, eine prickelnde Prise Erotik darüber gestreut. Viele der Songs - in den 30er-Jahren als entartet stigmatisiert - sind heute "Volkslieder" geworden. Die Brücke 200 Jahre zurück schlägt das ergreifende Lied "In einem kühlen Grunde" nach Eichendorff. Als erste von zwei Zugaben ein Potpourri mit Film-Titelmusiken, endend mit einem genialen Bezug zu Richard Strauss und der allmächtigen Reichsmusikkammer: "Also sprach Zarathustra."
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