Pater Anselm Grün referiert in der evangelischen Erlöserkirche
Wenn Sucht zur Sehnsucht wird

Pater Anselm Grün packte in der Erlöserkirche nicht den theologischen Hammer aus. Er gab wohlmeinende Ratschläge und ließ Raum, damit jeder für sich seine persönlichen Lehren daraus ziehen konnte. Bild: Steinbacher
Kultur
Amberg in der Oberpfalz
29.11.2016
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Er drängt Meinungen und Standpunkte nicht auf, erhebt eigene Ansichten nie zum Credo. Ein Kirchenmann, der mit seinen 71 Lebensjahren noch immer vor ein Publikum tritt, das angesichts seiner Intelligenz fasziniert ist. Pater Anselm Grün hat in der Erlöserkirche ein hellleuchtendes Adventslicht angezündet.

Von Wolfgang Houschka

Der Benediktiner aus Münsterschwarzach ist keiner, der sich hinstellt und seine Betrachtungen kraft klerikalen Amtes mit "Ihr müsst" beginnt. Genau das hat ihm bundesweit eine Anhängerschaft beschert, die andächtig zuhört und (wichtig!) jedes Wort versteht. Anselm Grün packt nicht den theologischen Hammer aus, er war nie inquisitorisch auf hohem Ross unterwegs. Der Pater gibt wohlmeinende Ratschläge und lässt keinen Zweifel daran, dass jeder für sich allein seine persönlichen Lehren daraus ziehen kann. Dabei zitiert er Martin Luther ebenso wie Papst Franziskus.

An diesem Abend in der bis zum letzten Platz gefüllten Erlöserkirche gibt der aus Franken angereiste Pater in seinem einstündigen Vortrag Hinweise dazu, wie jeder sein Leben verwandeln kann. Er sagt nicht "verändern" und führt vor Augen: "Ziel einer Veränderung ist es, ein anderer zu werden. Ziel der Verwandlung wird es sein, zu sich selber zu finden." Der Mönch, Autor vieler Bücher, empfiehlt, "innere Haltungen zu entdecken". Ein durchaus spannender Weg, der den Willen zur Neueinordnung vieler festgefahrener Prinzipien erfordert. Von daher nicht einfach. Aber zweifellos lohnend.

"Aufrechtes Menschsein"


Anselm Grün rät zur Achtsamkeit, fordert zu bewusstem Tun auf. "Dann wird das Leben intensiver." Er hält ein Plädoyer für das "aufrechte Menschsein", legt seinen Zuhörern die Authentizität nahe und bricht eine Lanze für die Barmherzigkeit. Dabei unterstreicht er: "Ohne Verwundbarkeit gibt es keine Liebe." Zu diesem Kapitel seine Vortrags zählt auch: "Fremdenhass hat immer damit zu tun, dass ich selber Angst habe vor dem Fremden in mir."

Die Botschaften des Paters gehen noch tiefer. Die Dankbarkeit zu verinnerlichen, ist ihm ein Anliegen. Er hat im Lauf seines Lebens festgestellt: "Undankbare kann man nie zufriedenstellen." Grün weiß auch, dass Dankbarkeit "die Stimmung wandelt". Zu den Spuren einer Lebenswandlung zählt der Theologe ferner die Ehrfurcht. "Menschen können nur zusammenleben, wenn sie Ehrfurcht voreinander haben", sagt er. Auch Hingabe und Hoffnung sind ihm wichtig. "Wenn ich keine Hoffnung spüre, ist alles umsonst."

Der Pater ist belesen. Er zitiert aus Werken anderer, hat auch von ihnen richtungsweisende Sätze parat, lässt Raum zur Diskussion. Doch bevor sie stattfindet, lenkt Anselm Grün den Blick auf die Klugheit und lässt anklingen: "Viele wollen die absolut richtige Entscheidung treffen. Doch es gibt nur kluge Entscheidungen." Um einem Leben neue Impulse zu geben, animiert der Ordensmann aber letztlich auch zum Wesenszug der Vergebung.

Bevor Anselm Grün geht, betet er mit seiner Zuhörergemeinde. Und wieder fällt ein Satz, den man mit hinaus nimmt in die kalte Nacht: "Advent ist die Zeit, um Sucht in Sehnsucht zu verwandeln." Sehnsucht, schreibt der 71-Jährige jedem Einzelnen ins Stammbuch, sei beileibe keine Flucht vor Wirklichkeit. "Wer sie zulässt, kann Ja sagen zum Leben."

Beifall brandet auf


Beifall ist nicht üblich in einer Kirche. Ganz zum Schluss gibt es ihn. Für einen von Siegfried Kratzer, dem Vorsitzenden des Evangelischen Bildungswerks, mit Amberger Bier bedachten Pater, der nicht müde wird, seine Botschaften zu verkünden. Sympathisch, verständlich und ohne Anspruch darauf, dass Gegenrede nicht geduldet wird. Ein Adventslicht schlichtweg, das heller leuchtet als jeder Christbaum in der Region.

Nur ein GottDer Katholik als Referent in einer evangelischen Kirche. Manche müssten erst über diese Hürde springen. Anselm Grün selbst tut das ohne Berührungsängste vor der Ökumene. Auch dazu kommt von ihm eine höchst bemerkenswerte Betrachtung: "Es gibt nur einen Gott. Die Religionen haben Bilder von ihm. Doch Gott ist jenseits dieser Bilder."
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