Reichtum ist nicht immer schön

"Die Opferung des Gorge Mastromas" von Dennis Kelly im Amberger Stadttheater zeigt die Stationen eines sinnentleerten Lebens. Bild: Steinbacher

Bedrohlich klingt Gustav Holsts Stück "Mars", das dem Kriegsgott gewidmet ist, aus den Lautsprechern. Bereits zu Beginn prophezeit es düster, was das Publikum in den nächsten gut zwei Stunden zu erwarten hat.

"Die Opferung des Gorge Mastromas" von Dennis Kelly stand im Amberger Stadttheater auf dem Programm. Dabei ist die deutsche Übersetzung des Titels durch den religiös besetzten Begriff der "Opferung" gegenüber dem englischen Original noch abgeschwächt, denn dort ist von einer "rituellen Schlachtung" die Rede.

Ein weiter Weg

Aber dahin ist es noch ein weiter Weg im Leben des Gorge Mastromas - gespielt von Julian Mehne, der die Entwicklung seiner Figur vom treuen, aufrichtigen, jungen Mitarbeiter in einem Familienbetrieb bis hin zum zynischen Kapitalisten, der glaubt, mit Geld alles kaufen zu können, glaubwürdig darstellt. In einer kritischen Situation - die Bank dreht seinem Arbeitgeber den Geldhahn zu und die Geier, respektive Heuschrecken, stehen für die Übernahme Gewehr bei Fuß - erliegt er den Lockungen einer Karrierefrau, die von Marsha Zimmermann eiskalt, aber durchaus verführerisch - wie einst Eva im Paradies - gespielt wurde.

Unerwartetes Schicksal

Sie ködert ihn damit, Teil einer weltweiten Verschwörung des Kapitals zu werden, erleidet allerdings bald ein unerwartetes Schicksal. Ihr Schützling Gorge übernimmt bei nächster Gelegenheit ihr Unternehmen und feuert sie. So ist der Raubtierkapitalismus halt, in dem es keine Freundschaften und schon gar keine Loyalität mehr gibt, sondern alles dem Profit untergeordnet wird.

Um den komplexen Werdegang Gorge Mastromas knapp und prägnant schildern zu können, wird in das Stück geschickt ein zweiter Erzählstrang eingefügt: die "Party-Ebene". Auf ihr - kenntlich gemacht durch den roten Teppich im Vordergrund - parlieren die Protagonisten beim Champagner über ihre Erlebnisse mit der Titelfigur und die Entwicklungsstufen, die sie zu dem gemacht haben, was sie am Ende ist: Täter und Opfer in einer Person. Als misanthropischer alter Mann - ob Parallelen zu Howard Hughes Absicht oder nur zufällig waren? - verbringt er seine Tage in seinem selbst geschaffenen, nahezu hermetisch abgeschlossenen Refugium, in das nur wenige Menschen eindringen. Der letzte Gast, der bei Gorge Mastromas erscheint, ist sein Enkel, der Sohn seiner Tochter, von deren Existenz er sein Leben lang nichts erfahren hatte. Mastromas, der sich immer Kinder gewünscht hatte, wird nun in einem Augenblick zum Vater und Großvater. Aber auch dieses Gefühl kann keine menschlichen Regungen mehr in ihm hervorrufen. Der junge Mann widersteht den angebotenen Versuchungen von Reichtum und Macht und macht seinem Altvorderen die Sinnlosigkeit seines Lebens deutlich.

Um die sich häufig ändernden Emotionen der Protagonisten zu verdeutlichen, unterstützt eine raffinierte Lichtregie den Fortgang der Geschichte. Kaltes Neonlicht illuminiert die wechselnden Stimmungen und gibt insgesamt einen deprimierenden Eindruck von den handelnden Personen.

Bedrückende Szenerie

"Die Opferung des Gorge Mastromas" ist ein Werk, das hinter den schönen Schein des Reichtums blickt und schonungslos die innere Leere der Gierigen aufdeckt. Unter Peter Lotschaks Regie lässt die bestens aufeinander eingespielte und mit Herzblut agierende Darstellerriege eine bedrückende Szenerie entstehen, die nachdenklich stimmt und auch dem Zitat aus dem Matthäus-Evangelium "Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele?", das auf Seite eins des Programmhefts als Überschrift steht, eine beängstigende Aktualität gibt.

Ob die "rituelle Schlachtung" des Gorge Mastromas ein Mord oder eine (Selbst-)Opferung ist, oder auch gar nicht erst drastische Realität wird, lässt die Regie offen, und gibt den Zuschauern damit etwas zum Nachdenken nach Hause - über ein Leben voller Gier, Lüge und Manipulation.
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