"Rose Bernd" am Stadttheater Amberg
Schmaler Grat zwischen Opfer und Täter

Ein durchweg überzeugendes Ensemble (von links) Wolfram Koch als verheirateter Liebhaber Christoph Flamm, Ulrich Gebauer als Vater Bernd, Jacqueline Macaulay als Titelheldin Rose Bernd und Steve Karier als Bräutigam August Keil - brachte im Stadttheater Amberg Gerhart Hauptmanns Schauspiel "Rose Bernd" auf die Bühne. Bild: gf

Über 100 Jahre sind vergangen seit der Uraufführung von "Rose Bernd". Mit seinem Werk über falsche Moral und gesellschaftliche Konventionen hat Gerhart Hauptmann Themen angesprochen, die auch heute erschreckend aktuell sind.

Die Szenerie lässt sich nicht verorten, theoretisch könnte es auch Neustadt an der Waldnaab sein. Oder Wallenfels. Oder jeder andere Ort, an dem Mütter ihre Neugeborenen umbringen. Der Ort zeitlos, die Kleidung ebenso, Typen, die es überall gibt. Es ist schwere Kost, die mit Gerhart Hauptmanns Schauspiel "Rose Bernd" am Mittwochabend im Stadttheater Amberg serviert wird.

Aber ein durchwegs grandios besetztes neunköpfiges Ensemble liefert eine schauspielerische Leistung ab, die den Abend zu einem Theaterfest werden lässt - und auch kleinere dramaturgische Schwächen der Inszenierung vergessen lässt. Hauptmann hat die Geschichte 1903 unter dem Eindruck seiner Geschworenentätigkeit im realen Fall der Kindsmörderin Hedwig Otte geschrieben.

Erpresst und verleumdet


Das Bauernmädchen Rose soll auf Wunsch ihres Vaters den kranken und frommen August Keil heiraten, hat aber ein Verhältnis mit dem verheirateten Dorfbeamten Flamm, von dem sie schwanger wird.

Der Maschinist Streckmann beobachtet die beiden, erpresst Rose, vergewaltigt und verleumdet sie anschließend. Vor Gericht schwört Rose voller Pein, sie habe mit keinem Mann etwas gehabt. Flamm und Streckmann stellen sie jedoch bloß, Rose bringt schließlich ihr Kind um und versinkt im Wahnsinn.

Die Inszenierung in Amberg ist eine gemeinsame Produktion der Ruhrfestspiele Recklinghausen, des Théatre National du Luxembourg und des Saarländischen Staatstheaters, basierend auf der Fassung von Frank Hoffmann und Andreas Wagner.

Auf eine historische Authentizität wird dabei kein Wert gelegt, stattdessen ist die Handlung in einen sterilen weißen Raum eingebettet. Gelegentlich ein weißer Tisch und ein weißer Stuhl - minimalistischer geht ein Bühnenbild kaum.

Umso mehr fokussieren sich die Zuschaueraugen auf die Akteure auf der Bühne, allesamt fernsehbekannte Darsteller, und - das eigentlich Entscheidende - grandiose Bühnenschauspieler. Allen voran Jaqueline Macaulay in der Titelrolle, anfangs burschikos und ungezügelt, die der Figur sehr viel Kraft und eine Riesenenergie verleiht. Genauso gelingt ihr aber der Wandel zur zunehmend einsamen und gesellschaftlich isolierten Person: "Wenn man nur nicht so verlassen wäre!".

Am Ende kauert sie schließlich, alleine gelassen, unter einem überdimensionalen Klinik- oder Anstaltsbett. Sie ist Opfer und Täter zugleich. Jaqueline Macaulay geht in diesen zwei Stunden oft an die Grenzen dessen, was man einer Schauspielerin in nur einem Stück zumuten mag. Bei den männlichen Darstellern ist es vor allem der noch frisch gebackene "Tatort"-Kommissar" Wolfram Koch, der als Roses Geliebter Christoph Flamm äußerst präsent ist und der tragischen Titelheldin in Nichts nachsteht.

Schauspieler begeistern


Doch auch der Rest des Ensembles begeistert: Ulrich Gebauer als harter und kalter Vater Bernd, Steve Karier beeindruckt als einfacher, frömmelnder August Keil. Luc Feit als cholerischer Streckmann, Anna Stieblich als Frau Flamm sowie in weiteren Rollen Anouk Wagener, Roger Seimetz und Annette Schlechter. Gut beraten war der Zuschauer, sich im Vorfeld der Aufführung mit dem Werk Hauptmanns vertraut zu machen.

Einem unbedarften Besucher erschließt sich in dieser Inszenierung nicht unbedingt, dass Rose von Streckmann vergewaltigt wird, warum Frau Flamm die Untreue ihres Ehemanns durchschaut und ob die blutüberströmte Kleidung Roses aus einer Vergewaltigung, aus der Geburt oder aus dem Kindsmord resultiert. Deswegen werden es in erster Linie und verdientermaßen die Schauspieler sein, die von diesem Abend und dem Zugrundegehen der Rose Bernd in Erinnerung bleiben.
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