Schauspielbühnen Stuttgart beeindrucken mit überzeugender Aufführung des Shakespeare-Klassikers ...
"Der Kaufmann von Venedig" - aktuell wie eh und je

Einen Theaterabend zum Niederknien bescherten die Schauspielbühnen Stuttgart dem Publikum in Amberg mit der Aufführung des Shakespeare-Klassikers "Der Kaufmann von Venedig". Bild: Huber
Shakespeares Theaterwerke sind auch heute noch aktuell. Im Amberger Stadttheater bewies dies "Der Kaufmann von Venedig" in einer Produktion der Schauspielbühnen Stuttgart. In dieser "Tragikomödie" geht es in beklemmender Eindringlichkeit um die Themen Gerechtigkeit, Hass, um den scheinbar unüberwindlichen Konflikt der Konfessionen.

Ungewöhnliches Pfand

Um seinen Freund Bassanio in dessen Liebeswerben zu unterstützen, nimmt der vermögende Kaufmann Antonio vom Juden Shylock, den er ansonsten als Christ aus tiefer Seele verachtet, ein Darlehen auf. Shylock verlangt keine Zinsen, sondern bei Verzug "ein Pfund Fleisch" aus der Herzgegend des Schuldners. Vielleicht ahnte oder hoffte er, dass Antonio den Kredit nicht rechtzeitig zurückzahlen würde.

Shakespeare belässt es nicht bei diesem Zweier-Konflikt. Zur Auflockerung wird ein Ratespiel um die vermögende Erbin Portia eingebaut, das natürlich zum guten Ende führt und letztlich zu der unerwarteten, aber durchaus nicht fröhlichen Schlusspointe führt. Bassanio gewinnt durch kluges Raten die schöne Portia. Parallel dazu bringt aber die Nachricht vom vermeintlichen Verlust seines Vermögens Antonio plötzlich in die Lage, Schuldner Shylocks zu sein, der auf seinem verbrieften Recht besteht, ein Pfund Fleisch aus dem Körper des Kaufmanns zu schneiden. Obwohl als Komödie angekündigt - die Inszenierung von Volkmar Kamm stellte nicht die turbulenten Szenen des Dieners Lanzelot Gobbo oder die komödiantischen Szenen um die "Brautwahl" in den Mittelpunkt, sondern die Zerrissenheit, die Verletzlichkeit des unter ständiger Demütigung leidenden und sie dulden müssenden Shylock.

Die Geringschätzung bricht sich im Dialog mit Antonio Bahn: "Hat nicht ein Jude die gleichen Ängste, die gleichen Leidenschaften wie ihr, ist mit denselben Krankheiten bedroht, wird mit denselben Medikamenten geheilt und wird von der gleichen Sonne gewärmt wie ihr?", schleudert Shylock Antonio entgegen. Dass seine Tochter Jessica mit Lorenzo aus seinem Haus flieht, kann er nicht verwinden, es steigert seinen Hass noch zusätzlich. Mit ihr verliert er ein Stück seines Lebens. Letztlich verliert er, da er auf seinem vermeintlich unantastbaren Recht besteht, durch eine juristische Haarspalterei alles, was ihm Wert bedeutet: sein Vermögen, seine Tochter, und auch seinen religiösen Glauben.

Es war eine Aufführung, die in der Intensität der Dialoge unter die Haut ging. Das Verdienst daran hatte neben Regisseur Kamm der für das Bühnenbild verantwortliche Konrad Kulke. Verschließbare Container symbolisierten die Gefangenheit der Protagonisten und waren auch die Kemenaten der umworbenen Frauen. Die Kostüme (Uschi Haug) stellten das Geschehen glaubwürdig in die heutige Zeit. Und weil insbesondere die Darsteller des Antonio (Andreas Klaue) und des Juden Shylock (Carsten Klemm) ihre Rollen nicht spielten, sondern in emotionaler Dichte lebten, war der Theaterabend ein bewegendes Ereignis.

Schnoddriger Diener

Stefan Roschy als Bassanio war ebenso glaubwürdig wie Alice von Lindenau als Portia, die als "Advokat" starke Szenen hatte. Shylocks Tochter Jessica, die ihre Wandlung zur Christin nie völlig verinnerlichen konnte, war mit Kim Zarah Lagner besetzt. Sie überzeugte hauptsächlich in der Schlussszene, wo die Kultgegenstände ihres Judentums demoliert wurden. Simon Pawlowsky als Graziano und Maja Müller als Nerissa brachten komödiantische Aufhellungen ins Spiel, und Raphael Grosch glänzte als Lanzelot in Beweglichkeit und schnoddriger Diener-Philosophie.

Obwohl zum Schluss scheinbar "alles gut" wurde: Prägend blieb das vorhergehende Bild, in dem der zerbrochene Jude mit Gewalt zur Taufe geführt wurde. Das war ganz starkes Theater, das in einer gespenstischen Atmosphäre Beklemmung hervorrief.
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