Schauspielbühnen Stuttgart spielen Günter Grass' Bestseller
"Die Blechtrommel" im Amberger Stadttheater

Die Schauspieler hätten dem rasanten und hochspannenden Stück "Die Blechtrommel" im Stadttheater Amberg durch ruhigeres Spiel etwas mehr Tiefe geben können. Bild: Huber

Ein Roman von epischem Ausmaß, der seinem Autor den Nobelpreis einbrachte. Eine Verfilmung, die mit dem Oscar prämiert wurde. Nun spielen die Schauspielbühnen Stuttgart "Die Blechtrommel" als Bühnenstück im Amberger Stadttheater.

Allein das Vorhaben, dieses Werk auf die Bretter, die die Welt bedeuten, zu bringen, verdient höchsten Respekt. Ob es allerdings eine gelungene Umsetzung ist, bei der das Publikum auch ohne das Buch gelesen oder den Film gesehen zu haben, der Handlung jederzeit folgen kann, sei dahingestellt.

Der Protagonist Oskar Matzerath war schon gleich nach seiner Geburt so intelligent, um alles zu durchschauen, und aus Protest gegen seine verlogene Umwelt beschloss er, nicht mehr zu wachsen. Die Erzählung über den jungen Oskar ist in der Inszenierung von Volkmar Kramm nicht ohne Brüche zu genießen. Obwohl Raphael Grosch zwischen dem kleinen, handelnden Oskar und dem dreißigjährigen, mittlerweile in einer Irrenanstalt einsitzenden Erzähler gekonnt hin- und herwechselt, ist seitens der Zuschauer höchste Aufmerksamkeit gefordert, um die Bruchstücke in der eigenen Vorstellung zu einem Ganzen zu verbinden.

Konzept nicht stimmig


Die Komposition der einzelnen Szenen - mittels Drehbühne passt sich das Bühnenbild von Alexander Roy jeweils den neuen Gegebenheiten an - sowie die Kommentarfunktion des Erzählers erinnern mehr an die Tableaus der Bänkelsänger der frühen Neuzeit als an ein modernes Theater-Konzept. Was 1959 noch für Furore sorgte, ja sogar einen Skandal auslöste, schockiert heute niemanden mehr.

Die blasphemischen Ausfälle der Hauptfigur und die unverhohlen derbe Darstellung von Sexualität gehört mittlerweile schon zum Theater-Alltag. Und die Darstellung des Absurden der Zeit des Dritten Reiches - wohl eine Art Vergangenheitsbewältigung von Günter Grass - wirkt im 21. Jahrhundert eher aufgesetzt als provokant. Im Textbuch der Bühnenfassung, das von mehreren 100 Seiten Roman auf 38 Drehbuch-Seiten eingedampft wird, überwiegen leider auch die meist plakativen, lauten Szenen.

Für die "Philosophie" des Oskar Matzerath, der die Welt und ihre "Konstruktionsfehler" aus der Froschperspektive betrachtet und sich darüber seine eigenen, teils recht originellen Gedanken macht, bleibt leider wenig Platz. Den neun Darstellern, die in mehr als doppelt so viele Rollen schlüpfen, kann das verfehlte Konzept nicht angelastet werden. Sie zeigen durchaus beeindruckende Leistungen in ihren Gefühlsausbrüchen und stellen die kleinbürgerlichen Charaktere aus dem Danzig der Zwischenkriegszeit authentisch dar.

Wie Jens Peter Brose den naiven Alfred Matzerath darstellt, ist durchaus sehenswert. Der gutmütige Kolonialwarenhändler schlittert mehr oder weniger in die Nazipartei hinein, ohne Überzeugungstäter zu sein und fällt damit sein Todesurteil selbst. Er erkennt die Charaktereigenschaften und die Angepasstheit dieses Biedermanns und bringt sie glaubwürdig auf die Bühne.

Keine Tiefe zu spüren


Bei den weiteren Rollen wäre gelegentlich etwas mehr Zurückhaltung geboten gewesen, um auch ein wenig von den gedanklichen Untiefen der Grass'schen Figuren erfahrbar zu machen. Ständige Hochspannung und marktschreierisches Geplärr strapazieren die Aufmerksamkeit des Publikums.

Der Inszenierung hätten einige ruhige, nachdenkliche Momente gut getan. Aber wer eine 53 Jahre umspannende Geschichte in knapp zweieinhalb Stunden erzählen will, muss wohl den Zuschauern im Parkett und auf den Rängen schnell aufeinanderfolgende, schlaglichtartige Szenen in einem entsprechend rasantem Tempo zumuten.
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