Schönwerth neu erzählt
Ein Pudel tut's auch

Die Amberger und Landkreisbewohner kennen sie noch als OTV-Redakteurin. Mittlerweile ist Agnes O. Eisenreich für den Bayerischen Rundfunk tätig. Ihr Schönwerth-Faible hat sie deswegen nicht verloren. Bild: msf

Von Marielouise Scharf

Amberg. Freitagabend - eisig-romantische Vollmondnacht über der Stadt und schaurig-schummrige Märchennacht in der Stadtbibliothek. Agnes O. Eisenreich erzählt Geschichten, Märchen, Sagen und Schwänke, die Franz Xaver von Schönwerth im 19. Jahrhundert in der Oberpfalz gesammelt und aufgeschrieben hat.

Stefan Huber und Koma Lüderitz machen die Musik dazu. Sie hören hinein in die bizarre Melodie der Sprache, nehmen den rauen Rhythmus der damaligen Zeit auf, erzählen und kommentieren das manchmal recht drastische Geschehen auf ihre Weise. 15 Instrumente bespielen sie, außergewöhnliche, zum Teil selbst gebaute, auf jeden Fall recht spannende Tonerzeuger wie Handharmonika, Autoharp, Darbuka, Baritonsaxofon, Schäferpfeife, Elfen-Zither, Bongo-Trommel oder auch namenlose, unbekannte Instrumente.

Viele Namen, Tiere und Menschen, Hexen und Menschenfresser, arme Kinder und böse Pudel begegnen den Besuchern in den Märchen von Schönwerth. Der wurde übrigens 1810 in Amberg in der Oberpfalz als erstes von fünf Kindern des Königlichen Zeichenprofessors Joseph Schönwerth geboren. Er erforschte das Leben der Bevölkerung. Sagen, Märchen, Schwänke, Kinderspiele, Kinderreime, Lieder, Sprichwörter sammelte er und schrieb alles akribisch auf, was ihm oberpfälzische Dienstboten in München zutrugen oder was er selbst bei Studienaufenthalten daheim erfuhr. Er beobachtete das Leben in Haus und Hof, beschrieb den bäuerlichen Alltag, das Brauchtum sowie die Tracht. Sein Tod jährt sich heuer zum 130. Mal.

Agnes O. Eisenreich ist fasziniert von den alten Geschichten, die die Urängste der Menschen zu allen Zeiten, aber auch deren Lebensfreude, Bauernschläue und Ideenreichtum widerspiegeln. Sie war lange Jahre Moderatorin bei OTV und ist jetzt als Redakteurin bei der BR-Abendschau beschäftigt. Ihr journalistischer Beruf bringt es wohl mit sich, nicht nur Vorerzähltes wiederzugeben. Sie erläutert Hintergründe und Zusammenhänge. So verweist sie auch auf Anklänge zu den Gebrüdern Grimm oder Bechstein-Märchen und lässt auch moderne Geschichtenerzähler wie Paul Maar zu Wort kommen.

Doch zurück zum Pudel. Der war "ein wachsamer Begleiter des Menschen", weiß Eisenreich und er spielt eine Hauptrolle im Märchen "Die Rose". Das beginnt so: "Ein armer Mann hatte drei Töchter...". Die eine wünscht sich als Mitbringsel vom Vater ein Kleid, die andere ein Tuch, die Jüngste eine Rose. Die bekommt sie nur, wenn sie den Pudel küsst, der den Rosenstrauch bewacht. Sie tut's und ein Prinz steht vor ihr. .Eisenreich schmunzelt und resümiert: "In der Oberpfalz muss man keinen Frosch küssen! Ein Pudel tut's auch!"

Beeindruckend auch, wie sie das Kettenmärchen vom Hannerl und Hennerl erzählt im Dialekt, mit angenehmer Stimme und charmanter Mimik und Gestik. Man hört ihr gerne zu, fühlt sich aufgehoben in den Märchen. Auch Alt-OB Wolfgang Dandorfer sitzt im Publikum. Er ist bekennender Schönwerth-Fan, wie auch Heidi Sander, die ebenfalls unter den Besuchern zu entdecken ist. Sie hat mit ihrem Mann Wolfgang einen Film über Schönwerth gedreht und damit den Oberpfälzer Geschichtenerzähler wieder aus der (beinahe) Vergessenheit geholt hat.

Das Bibliotheksteam um Bettina Weisheit sorgte mit flackerndem Kerzenlicht und freundlicher Bewirtung für die atmosphärische Harmonie, was ebenfalls zum Gelingen dieses märchenhaften Abends beitrug.
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.