Sehr frei nach Tschechow
Onkel Wanja trifft Schneewittchen

Die Eltern von Wanja, Sonja und Mascha waren Fans des russischen Schriftstellers Anton Tschechow. Pech für die drei Kinder, die nun mit diesen bedeutungsschwangeren Namen nicht im Russland der vorletzten Jahrhundertwende, sondern im heutigen Amerika leben müssen. Glück für die Theaterbesucher in Amberg, die Christopher Durangs vielfach preisgekröntes Stück von hochkarätigen Schauspielern serviert bekamen. Bild: Hartl

"Wanja und Sonja und Mascha und Spike", Christopher Durangs vielfach preisgekrönte Hommage an den russischen Autor Anton Tschechow, gefiel nicht nur am Broadway. Auch in Amberg heimste die Tourneefassung des Eurostudio Landgraf jede Menge begeisterten Applaus ein.

Gleich zu Beginn gesagt - man muss kein Literaturwissenschaftler sein, um Gefallen an diesem Stück zu finden. Zwar hat sich der amerikanische Autor bei Tschechows Werken und Personen bedient, daraus aber eine so eigenständige, moderne und unterhaltsame Komödie gebaut, dass spezielles Hintergrundwissen wohl bereichernd, aber nicht zwingend notwendig ist.

Die einfallsreiche Inszenierung von Kay Neumann, das bestens gelungene Bühnenbild (Ausstattung: Florian Angerer) und das ausgezeichnete Ensemble sind Garanten für hochklassiges Theatervergnügen.

Der Vorhang öffnet sich und gibt den Blick frei: großzügiger Raum, Treppe nach oben, rechts und links Ein- und Ausblicke auf Natur und Landschaft, mittig ein antiquiertes, mächtig ausladendes Sofa. Man spürt es deutlich, hier, im Elternhaus von Wanja (Rüdiger Joswig) und Sonja (sie ist adoptiert), herrschen Langeweile und Einsamkeit. Puzzle-Spiele und Graureiher-Beobachten bringen auch nicht wirklich Abwechslung!

Verborgene Reserven


Das wenig attraktive Kleid, das Sonja (Alexandra Maria Timmel) trägt, spiegelt das monotone Kastanienblätter-Tapetenmuster wider und die Streifen der Couch wiederholen sich im altmodischen Morgenmantel Wanjas. "Wir sind mehr ein Möbelstück als eine Person" klagt Sonja. Wanja kontert: "Wir sind Personen mit verborgenen Reserven, die nur noch nicht angezapft sind!" Übrigens, die Namen verdanken die beiden ihren Erzeugern, die Tschechowverehrer waren. 15 Jahre lang haben sie die an Demenz leidenden Eltern gepflegt und dabei das eigene Glück aus den Augen verloren.

Der Besuch der extrovertierten Schwester Mascha (Claudia Wenzel) sorgt für Unruhe im Alltagseinerlei. Im Schlepptau führt die erfolgreiche Schauspielerin ihren sehr jungen, sehr attraktiven Loverboy Spike (Patrick G. Boll). Der entledigt sich wie ein echter Chippendale-Star nicht nur immer wieder gern und gekonnt seiner Kleider und präsentiert mit erotischem Hüftschwung einen makellosen Körper, sondern bandelt genauso fix mit der hübschen jungen Nachbarin Nina (Juliane Köster) an.

Die wiederum ist eine Theaterenthusiastin und begeistert sich als schauspielerndes Molekül für Onkel Wanjas experimentelles Theaterstück. Für sie ist das Leben noch voller Überraschungen! Überraschungen hält auch Kassandra (Annabelle Mandeng) parat. Als eigenwilliges Aperçu stakst die attraktive und mit hellseherischen Fähigkeiten ausgestattete Putzfrau auf High Heels durch und über alle Hindernisse und Turbulenzen. Ihr gelingt mit Hilfe einer Voodoo-Puppe, dass Mascha das Elternhaus nicht verkauft, dafür aber Spike entsorgt.

Um zum positiven Ende zu finden, muss der Zuschauer den Umweg über eine Kostümparty nehmen. Es ist ein grandioser Einfall des Autors, die Akteure in völlig veränderte Positionen zu rücken, indem er sie in Schneewittchenkostüme steckt: Nina und Wanja mimen dusselige Zipfelmützenzwerge, die schüchterne Sonja schlüpft ins hautenge Paillettenkleid und setzt die böse Königin im mondänen Format einer Marlene Dietrich in Szene, der junge "Zuchthengst" Spike mogelt sich als schöner, durchtrainierter Prinz durch.

Sprechender Spiegel


Für die abgetakelte Filmdiva bleibt noch das kitschige, schon etwas verknautschte Disney-Schneewittchen. "Das Kostüm kannte keiner mehr", klagt Mascha. "Einige meinten, ich bin die Biene Maja!" Natürlich darf auch der sprechende Spiegel nicht fehlen, allerdings lieferte der während des ganzen Abends seine Kommentare ab! Dazu noch ein Kommentar aus dem Publikum: "Das war ein toller Abend, hat sich gelohnt!"
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