Soundtrack für den Widerstand

Zwei Generationen politische Liedermacherkunst vereint auf einer Bühne: Konstantin Wecker hat Cynthia Nikschas als Straßenmusikerin entdeckt und für sein junges Label gewonnen. Bild: Otto
Kultur
Amberg in der Oberpfalz
02.12.2015
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Der Kampf für eine menschliche Gesellschaft ist offensichtlich ein Jungbrunnen. Konstantin Wecker reißt seine Fans auch mit 68 Jahren immer noch aus den Sitzen. Auch in Amberg gab es am Montag Standing Ovations für den linken Liedermacher und seine großartige Band.

Im Saal tümmeln sich vor allem die Fans, die zu Konstantin Weckers Generation gehören, mit seinen Liedern herangereift und ergraut. Trotzdem: Da sind ein paar Fans mittleren Alters und, wenn auch nur versprengt, ein paar sehr junge Leute, Nasenring, gefärbte Haare - so sieht linksalternativ heute aus.

Diese demographische Entwicklung findet sich dann auch auf der Bühne wieder. Der ganz junge Part in Weckers Band ist eine Offenbarung. Die 28-jährige Cynthia Nikschas, als Straßenmusikerin von Wecker entdeckt, röhrt im Duett mit dem Altmeister und später auch Solo. Man möchte meinen, dass die Stimme der seligen Janis Joplin reinkarniert ist.

Gegen Neonazis

Dennoch: Der Chef im Ring ist Wecker, nicht weil er das forciert, sondern weil er sein Publikum mit Charisma und Geschichten eines bewegten Lebens unweigerlich für sich einnimmt. Die 68er, die Friedensbewegung, gegen die WAA, gegen Ausländerhass und gegen Neonazis - der Liedermacher hat immer den Soundtrack geschrieben, wenn es um zivilen Widerstand ging.

Das Konzert ist aber kein "Best Of" aus 40 Jahren. "Ohne warum", seine aktuelle CD steht im Mittelpunkt. Wecker ist sanftmütiger geworden, vorbei die Zeit, in der er vor Schweiß triefend sein Klavier bearbeitete. Heute geht er bis auf einige Ausnahmen fast respektvoll mit seinem Instrument um.

Brecht und Rilke

Geblieben sind die Themen und die Gegner seiner Utopie von einer besseren Welt. Kriegstreiber, Nationalisten, Volksverhetzer - alle werden sie abgewatscht - gewaltfrei selbstverständlich, denn Wecker ist immer noch radikaler Pazifist. Beistand holt er sich von Brecht und Rilke.

Wecker muss sich dafür derzeit auf Facebook beleidigen lassen: Gutmensch, Vaterlandsverräter, linksgrünversiffter Alt-68er - die Häme und Hetze aus der untersten Schublade der sozialen Medien trägt Konstantin Wecker aber mit Stolz, wie eine Auszeichnung. Den Hass macht er sich nicht zu eigen, sondern verbreitet lieber seine Philosophie: Es ist die Philosophie des friedvollen Miteinanders.

Die transportiert er in all seinen Liedern. Ganz deutlich in "Der Krieg" oder "Ich habe einen Traum", wenn der Sänger von einer Welt spricht, die sich um die Schwachen kümmert, statt zu zerstören, Herz vor Pragmatismus setzt. Poetische Akzente setzt Wecker in Stücken wie "Novalis", "Gefrorenes Licht" und "Die Gedanken sind frei". Zerbrechlich und gefühlvoll interpretiert er sein Lied "An meine Kinder".

Wahre Höhepunkte

Als das offizielle Set vorbei ist, jubeln und klatschen die Zuschauer stehend, bis die Künstler zurück auf die Bühne kommen. Wer vorher gegangen ist, verpasst die wahren Höhepunkte. Die Power-Hymne "Revolution", das wunderbar altmodische "Ohne Warum" und ältere Songs beschließen einen großartigen Abend.
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