Stadtgalerie Alte Feuerwache in Amberg zeigt Arbeiten von Jutta Brüning
Hinter tausend Stäben der Wirklichkeit

Unter den Exponaten befinden sich auch "fotografierte Bildstörungen", Aufnahmen, die durch technische Übertragungsfehler erzeugte Verzerrungen aufweisen wie dieses Porträt von Walter Jens. Bild: Geiger
Überlagerungen: Vielleicht kann man sich mit diesem Schlagwort sprachlich dem nähern, was den Besucher der Ausstellung "Malerei und Grafik" der 1959 in Amberg geborenen Künstlerin Jutta Brüning erwartet. Denn die Siebdrucke, Fotos und Ölgemälde, sie verfügen allesamt über ein Netz und einen doppelten Boden. Über ein Moment also, das sich entfaltet aus vertikalen Linien beispielsweise, die in ein Binnen- und Spannungsverhältnis treten zu dem, was sich da im Hintergrund kaum mehr wahrnehmbar an Farbexplosion ereignet und vollzieht. Jutta Brüning lebt seit vielen Jahren in Thomasburg in der Lüneburger Heide - dort, wie es ihr Galerist Thomas Klockmann in seiner fabelhaften Rede bei der Vernissage ausdrückte, "auf dem Land, wo Licht durch Bäume fällt auf Felder".

Nähe zu Vasarely

Kunsthistorikerin Michaela Grammer, mitverantwortlich für das Ausstellungsprogramm in der Alten Feuerwache, argumentiert ganz ähnlich: "Für mich ist die Arbeitsweise von Brüning ganz in der Nähe der Optischen Kunst eines Victor Vasarely angesiedelt. Das heißt: Hier wird die Frage gestellt nach dem Verhältnis von Farbe, Raum und Fläche. Und in einem fast magischen Akt gelingt es ihr, durch Musterung und Abstufung Plastizität zu erzielen."

Brünings Arbeiten beschränken sich eben gerade nicht auf etwaige Plattitüden des Dekorativen. Aus der souveränen Beherrschung der Handwerklichkeit heraus erweitert die Künstlerin ihren Horizont um Tiefendimensionen, die sie der Flächigkeit abringt und lässt so frappierende räumliche Wirkungen entstehen. Ein Moment übrigens, das auch Berührungspunkte schafft zu so namhaften Amberger Kollegen wie Günter Dollhopf oder Raimund Drexler. Weshalb die "Heimführung" der Jutta Brüning, die vor drei Jahrzehnten schon mitverantwortlich dafür war, dass die Räumlichkeiten der Feuerwache eine Umwidmung zum Kunstareal erfuhren, auch so unverzichtbar ist.

"Weil bei allen drei Genannten das Handwerk von der Form nicht zu trennen ist", sagt Grammer. Eine ganz eigene Werkgruppe sind die Fotoarbeiten Brünings, die sie selbst im Gespräch als "fotografierte Bildstörungen" bezeichnet. Da ist etwa Walter Jens auf einem TV-Schirm zu sehen, jener vor zwei Jahren hochbetagt verstorbene Rhetorik-Professor aus Tübingen also, der als hochgebildeter "Praeceptor Germaniae" jahrzehntelang die Debatten hierzulande mitbestimmte, bevor er von der neuen Menschheitsgeißel der Demenz in entmündigende Geiselhaft genommen wurde.

Regelrecht entstellt

Jutta Brüning zeigt ein attackiertes menschliches Antlitz, ein Gesicht, das durch technische Übertragungsverluste nahezu zur Unkenntlichkeit entstellt ist. Markiert es das Ende des Urvertrauens und den Verlust aller Verlässlichkeit in das, was eine Welt mit menschlichem Antlitz ausmacht? Jedenfalls zeigt uns auch diese Bildergruppe einen Zustand der Überlagerung und führt uns ein Moment vor Augen, was die Welt bereithält, im Hintergrund und hinter den tausend Stäben ihrer Wirklichkeiten.
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