Überraschende Erkenntnisse durch Ausgrabungen auf Bürgerspitalgelände
Kelten erobern sich Platz in der Amberger Geschichte

Der Stein, auf den Dr. Mathias Hensch deutet, liegt in einer Pfostengrube, die für das Bürgerspitalareal bereits eine Bebauung durch die Kelten belegt.
Kultur
Amberg in der Oberpfalz
04.10.2016
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Diese Keramik-Verzierung war in der Hallstattzeit sehr populär, was darauf hindeutet, dass die Scherbe rund 2500 Jahre alt sein dürfte. (Foto: Steinbacher)

Eigentlich gräbt er nach den Wurzeln des Bürgerspitals. Doch der Archäologe Dr. Mathias Hensch ist dabei auf einen Befund gestoßen, der die Amberger Stadtgeschichte enorm bereichert: Vor 2500 Jahren siedelten hier schon Kelten.

Eine keltische Siedlung im Amberger Stadtgebiet war bisher nicht nachgewiesen. Lediglich Gräber aus der sogenannten Hallstattzeit (800 bis 450 v. Chr.) hatte man im November 1914 in der Herrnstraße entdeckt. Auch in der Sechserstraße gab es solche Befunde. "Hier wohnen, dort die Gräber, das passt gut zusammen, es ist ja auch nicht so weit auseinander", wertet Hensch das Zusammenspiel der Fakten als eindeutigen Beleg, "dass Kelten im Stadtgebiet ansässig waren".

Im Norden noch mehr?


Überraschend ist es also nicht, dass am Ende der Hallstattzeit Kelten hier lebten. "Die saßen überall, wo es einigermaßen siedlungsgünstig war", sagt Hensch dazu. Doch man muss die Siedlung erst einmal nachweisen. Im Erdboden des Spitalgeländes passiert das zum einen durch Stücke von Siedlungskeramik. Eine kleine Scherbe weist Schraffierungen auf, die ihre Entstehungszeit verraten: "Diese Dreieckszier war in der Hallstattzeit ganz beliebt." Zum anderen beweist eine Pfostengrube für den Archäologen eindeutig, dass es in der Zeit um 500 v. Chr. hier eine massive Holzbebauung gab - "und wohl auch Wohnbebauung". An der Stelle fanden die Ausgräber so viel Holzkohle, dass Hensch davon ausgeht, deren Alter durch ein dendrochronologisches Gutachten genauer bestimmen lassen zu können. Gleichzeitig hofft er, im nördlichen Bereich des Grabungsgeländes (Richtung Ringtheater) noch mehr Spuren der Kelten zu finden. "Der Teil war nämlich nicht so stark überbaut wie der vordere."

Die saßen überall, wo es einigermaßen siedlungsgünstig war.Dr. Mathias Hensch über die Verbreitung der Kelten


Ausgrabungen dauern bis zum FrühjahrDerzeit sind die Archäologen ihrem Zeitplan voraus. Weil das Wetter prächtig mitgespielt hat und weil die Befundlage nicht so war, dass sie tiefere Grabungen erforderlich gemacht hätte. Nach zwei Wochen baggern und vier Wochen Handarbeit kann Dr. Mathias Hensch aber bereits abschätzen, dass er wohl dieses Jahr - bis Anfang November - nicht mehr ganz fertig wird. "Dann kommen wir im Frühjahr wieder." Den vorgesehenen Baubeginn dürfte das nicht gefährden. Das bestätigt Anne-Kathrin Kluth vom Stadtplanungsamt: "Nach unseren Kenntnissen kollidiert das nicht mit den Plänen des Investors." Dass man die Sache so entspannt sehen kann, ist für Hensch nicht zuletzt eine Folge davon, dass man rechtzeitig an die Archäologen gedacht hat: "Der Vorlauf hier ist wunderbar." Erfreut zeigte sich Hensch über das große Interesse und das "absolut positive Feedback" der Amberger, die an der Grabungsstelle vorbeischauen. "Man konnte in den letzten Jahren spüren, wie das Verständnis für unsere Arbeit gewachsen ist." Bevor die Baumaschinen anrücken, möchte er deshalb noch eine öffentliche Führung durch die freigelegten Mauern und Bodenbefunde anbieten. "Das muss ich aber erst mit der Stadt absprechen." (ll)

Angemerkt: Scherben lügen nicht


Eine Überraschung ist es nicht, dass vor 2500 Jahren Kelten auf dem späteren Amberger Stadtgebiet lebten. Dr. Mathias Hensch hat bereits 2013 für die Region von einer "intensiven keltischen Besiedlung seit der späten Hallstattzeit" gesprochen. Es war also wahrscheinlich, dass sie auch die Vils entlang hausten. Aber es macht doch einen Unterschied, ob man etwas nur vermutet oder mit Befunden belegen kann. Und das ist das Schöne an den Stücken, die Hensch seit über 20 Jahren im Boden der Oberpfalz aufspürt:

1. Sie bringen Licht in eine Zeit, über die uns schriftliche Quellen nichts verraten. Diese Art der Überlieferung setzt nämlich für die Region erst mit sehr verstreuten einzelnen Erwähnungen im 9. und 10. Jahrhundert ein und bleibt dann noch längere Zeit recht dünn.

2. Sie lügen nicht. Soll heißen: Ganz alte schriftliche Quellen müssen immer auf ihre Glaubwürdigkeit abgeklopft werden, weil damals allein der Akt des Schreibens so aufwendig war, dass er nur gerechtfertigt schien, wenn eine Wirkung nach außen damit verbunden war: eigene Ansprüche untermauern, die seiner Gegner bestreiten, die (angeblichen) Taten eines hohen Herrn hervorkehren. Da zählte nicht, was richtig war, sondern was der Auftraggeber wünschte. Deshalb darf man diese Schriftzeugnisse nicht unmittelbar für bare Münze nehmen.

Die Scherben, Steine und Holzstücke aber, die die Archäologen freilegen, wurden nicht geschaffen, um irgendetwas zu beweisen oder zu behaupten. Sie stammen von Alltagsgegenständen, die nichts aussagen müssen und deshalb nicht lügen können. Falsch interpretiert werden können sie natürlich trotzdem. Deshalb ist es so wichtig, möglichst viele von ihnen zu haben. Denn durch sie wird das Bild der Vergangenheit immer deutlicher.

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www.onetz.de/themen/bürgerspital
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