„Unwiderstehlich“ im Stadttheater
Kreuzverhör und Katerstimmung

Die herausragende schauspielerische Leistung von Anika Mauer und Boris Aljinovic und die tolle Inszenierung von Antoine Uitdehaag hätten ein volles Haus verdient. Der Theaterabend mit der beeindruckenden Tragikomödie "Unwiderstehlich" von Fabrice Roger-Lacan ließ keine Wünsche offen. Bild: gf

"Jetzt ist es sechs Uhr eins. Ich stelle fest, dass ich dich liebe!" Reichlich spät gelangt "Er" zu dieser Einsicht. Denn "Sie" ist weg. Eigentlich finden sich beide "Unwiderstehlich" und doch kommt es im Stadttheater Ambereg zum Bruch wegen Haarspalterei und mieser Tricks ...

Die Tragikomödie "Unwiderstehlich" von Fabrice Roger-Lacan steht auf dem Programm des Stadttheaters Amberg. Versprochen wird ein fesselndes Psychogramm einer Liebesbeziehung, ein Kammerstück über Eifersucht, Besitzanspruch, über Verlangen und über Freiheit. Was geboten wird von den beiden großartigen Schauspielern Anika Mauer und Boris Aljinovic sind über 120 Minuten Theaterkunst vom Feinsten. Der Vorhang ist bereits geöffnet und gibt den Blick frei auf ein reichlich überladenes Bühnenbild (Momme Röhrbein). Von Rennrad zu Bosch-Kühlgerät, von Ledercouch zu Esstisch, Computerecke, Schreibplatz, Küchentheke, Barhocker, Riesengemälde und Plüschsessel, wandert der Blick. "Er" kommt, Advokatenrobe über Jogginganzug. Ernsthaft memoriert er sein Plädoyer. Schließlich ist er Verteidiger von Ignazio, einem mexikanischen Frauenmörder, der sein Opfer nicht nur getötet, sondern "mit Haut und Haar gefressen hat, nur damit sie nicht geht..."

Dunkle Eifersuchts-Wolken


Irgendwie kann "Er" dafür sogar Verständnis aufbringen. "Er", der Jurist, liebt "Sie", die Verlagslektorin, ja auch von Kopf bis Fuß. Und doch ziehen plötzlich dunkle Eifersuchts-Wolken auf in ihrer Beziehung. Als "Sie" gut gelaunt von einer Besprechung mit einem irischen Schriftsteller zu später Stunde nach Hause kommt bohrt er mit messerscharfem Verstand und juristischen Finten immer tiefer nach: "Na, wie ist er?". Hat "Sie" nun Verlangen nach dem Womanizer, will "Sie" mit ihm essen gehen? Ein heißer Schlagabtausch beginnt und endet böse. "Sie" wirft sich in das schwarze sexy Spitzenkleid und rauscht ab. Zurück bleibt er, beunruhigt, zerknirscht, verzweifelt...

Großartig, wie die Schauspieler jede Situation beherrschen: Liebe Lust, Verlangen - Misstrauen, Unsicherheit, Zuneigung. Sie liefern sich ein gnadenloses Psycho-Duell mit scharfer Klinge, einen erbarmungslosen Schlagabtausch mit und ohne Worte. (Den Text hätte man aber auch gerne im Parkett Rang Mitte verstanden, was bei leisen Dialogen leider nicht immer möglich war.)

Eher behutsam, dafür mit großer Sensibilität und voller Ideen inszeniert Antoine Uitdehaag diese Produktion für das Renaissance-Theater Berlin. Er arbeitet mit präzisen Lichteffekten, streut musikalische Momente ein, unterstreicht mit passender Geräuschkulisse und punktgenauer Szenenbeleuchtung. Für das Zwei-Personen-Kammerspiel zaubert er eine Atmosphäre auf die Bühne wie sie so eigentlich nur im Film möglich ist. Mit leichter Hand führt er die Protagonisten. Diese skizzieren Gedanken, Gefühle, Wünsche und Sehnsüchte unauffällig, unaufdringlich, aber intensiv und intuitiv.

Mit Beifall überhäuft


Ein Mann auf dem Boden, eine leere Couch, ein Haufen Essensverpackungen, überall verstreut leere Fuselflaschen - alles Indizien für zehn Monate ohne "Sie". Beinahe spiegelbildlich verläuft der zweite Teil, der mit einer aufregenden Versöhnungsvereinigung auf dem Küchentisch endet. Die Künstler wurden am Donnerstagabend mit Beifall überhäuft.

Mehr zum Stadttheater Amberg finden Sie unter www.onetz.de/515214
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.