Vertonte szenische Biografie
Die andere Lady Day

"Billie Holiday - der Blues der Lady" im Paulaner-Gemeindehaus: In diesem hinreißenden Stück nimmt Dany Hertje die Rolle der Billie Holiday ein - und schon bald hat man den Eindruck, dass die tragische Diva selbst vor einem steht, singt und erzählt. Begleitet wird sie auf dem Piano wird von ihrem Vater Vitali Hertje, dem Jazz nur so aus den Fingern fließt. Bild: Hartl

Was liegt näher, als die Biografie von Musikern szenisch zu vertonen? Da es sich in diesem Fall um eine Musikerin handelte, holte sich Dany Hertje gleich noch ihren Vater als Pianisten mit auf die Bühne, um die Billie Holiday zu geben.

"Für die Weißen zu schwarz, für die Schwarzen zu weiß." Dieses Zitat aus der Autobiografie von Billie Holiday bringt die Gratwanderung auf den Punkt, wie die große Sängerin ihren Lebensweg selbst sah. Einblicke in die Entwicklung und das abenteuerliche Leben von Lady Day, wie sie auch genannt wurde, brachte das Stück "Der Blues der Lady", mit dem Dany Hertje - am Klavier begleitet von ihrem Vater Vitali - im Paulaner-Gemeindezentrum gastierte.

Wenn das Evangelische Bildungswerk (EBW) und die Katholische Erwachsenenbildung (KEB) zusammen ein Kultur-Angebot organisieren, kann man eigentlich sicher sein, Qualität geboten zu bekommen. Dass es auch diesmal so sein würde, kündigte Siegfried Kratzer, der das Publikum begrüßte, an. Voller Stolz stellte der EBW-Vorsitzende das Vater-Tochter-Duo vor, das unter der Regie von Jan Burdinski eine Art Erzählkonzert präsentierte. Es zeichnete die wechselhafte Geschichte von Billie Holiday von ihrer Geburt 1915 bis zu ihrem tragischen Tod 1959, wo sie noch ein letztes Mal verhaftet wurde, nach.

Dany Hertje erwies sich bei der Vorstellung als Doppeltalent. Als Sängerin gab sie eine perfekte Vorstellung. Sie gurrte verliebt ins Mikrofon, bot abenteuerlich Phrasierungen, die der Original-Billie selbst alle Ehre gemacht hätten und ließ ihre Stimme in manchen Passagen derart raumfüllend erklingen, dass eigentlich in dem eher klein dimensionierten Veranstaltungsraum keine elektronische Verstärkung nötig gewesen wäre.

Dabei lieferte sie ein Programm ab, in dem sich die Genre-Klassiker aus Jazz, Blues, Gospel und Adult Contemporary der frühen Mitte des 20. Jahrhunderts aneinander reihten wie die Perlen auf ihrer Halskette. Öfter mal die Robe wechselnd verschwand Dany Hertje hinter dem Vorhang, um im neuen Kostüm zu überraschen. Die weiße Blüte im Haar blieb aber immer die gleiche.

Ihr Talent als Schauspielerin stellte die Künstlerin zwischen den einzelnen Songs unter Beweis. In herrlich angeschickertem Erzählton - oder war da etwa wirklich Whisky im Glas? - ließ sie die wichtigsten Stationen im Leben von Eleanora Fagan, wie Billie Holiday mutmaßlich wirklich hieß, Revue passieren. Ebenso wie dieser Name sind auch manche Teile der Memoiren in "The Lady sings the Blues" anzweifelbar. "Lady Day" brachte nämlich eine sehr subjektive Wahrheit zu Papier. Aber die Wechselfälle ihrer Existenz zwischen Bordell und Bühne, zwischen Drogen und Entzug sind wahrscheinlich nicht übertrieben. Unzweifelhaft ist allerdings, dass Billie Holiday zusammen mit Bessie Smith und Ella Fitzgerald zu den stilprägenden Sängerinnen des 20. Jahrhunderts gehört.

Und ebenso unzweifelhaft hat sich Siegfried Katzers Prophezeiung vom Anfang des Konzerts bewahrheitet: Das war nicht Dany Hertje, die da den Blues sang, sondern die leibhaftige Billie Holiday! So fühlte es sich zumindest nach der letzten Zugabe an. Besser kann man ein Tribute-Konzert nicht singen!
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