Verzweifelter Akt des Widerstands

Die Tourneepremiere von "Jeder stirbt für sich allein"- unter der Regie von Volkmar Kamm - überzeugte auf beeindruckende Weise im Amberger Stadttheater. Bild: Huber

Ein Brief mit Feldpostmarke und mit Maschine geschriebener Empfängeradresse bringt das Leben des biederen Ehepaars Quangel völlig durcheinander. Der Inhalt: Ihr Sohn Otto ist für Führer, Volk und Vaterland den Heldentod gestorben.

Das ist der Beginn einer Tragödie von wahrhaft griechischem Ausmaß, die Hans Fallada kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs zu Papier brachte. Sein Roman "Jeder stirbt für sich allein" ist die Grundlage für das Drama, das im Amberger Stadttheater seine Tourneepremiere hatte. Regisseur Volkmar Kamm hat dieses Stück Weltliteratur für die Bühne bearbeitet. Mit sicherer Hand übernahm er aus den zahlreichen Nebenhandlungen des Romans jene Szenen, die für den Erzählfluss der Geschichte nötig waren. Die handelnden Personen dezimierte er auf jene, die direkt auf das Quangel'sche Leben und Sterben Einfluss hatten. So zeichnete er ein dichtes Bild der Verstrickungen, die leider kein einmaliger Ausrutscher der Geschichte, sondern in den letzten Jahren der Nazi-Diktatur Alltag waren.

Dramatisch gespielt

Für die aktuelle Inszenierung standen dem Autor und Regisseur eine erprobte Darstellerriege zur Verfügung. Allen voran Hellena Büttner und Peter Bause als das Ehepaar Quangel, die aus der ohnmächtigen Trauer heraus in den Widerstand getrieben wurden. Sie spielten glaubhaft, lebensnah und höchst dramatisch die beiden alten Eheleute, die sich ihres Sohns beraubt sahen und nun mit sich und auch gegeneinander darum rangen, wie sie ihren Teil zur Beendigung des kollektiven Wahnsinns beitragen könnten.

Eine recht anspruchsvolle Rolle hatte Katrin Reuter, als "Schwiegertochter in spe" quasi zur Familie Quangel gehörend. Die Trudel Baumann reifte während der Handlung vom leichtsinnigen Mädchen zu einer reifen Frau, von der kommunistischen Widerstandskämpferin zur Löwenmutter, die sich nicht mehr um Politik schert, sondern nur noch ihr noch ungeborenes Kind verteidigt.

Geplärrte Hasstiraden

Auch das Umfeld der Quangels in der heruntergekommenen Mietskaserne wurde durchleuchtet und die Personen fein gezeichnet. Die alte Frau Rosenthal, deren Mann von der Gestapo verschleppt worden war und die sich verzweifelt aus dem Fenster stürzte, die linientreue, aber durchweg asoziale Familie Persicke, deren Spross Baldur auf dem hohen Ross des angehenden Parteikarrieristen saß und sich plündernd die Hinterlassenschaften der von ihm denunzierten "Volksfeinde" aneignete. Optimal besetzt war auch die Rolle des sadistischen SS-Obergruppenführers Prall, der, meist betrunken, seinen Zynismus nur schwer unter aufgesetzter Jovialität verbergen konnte. Man möchte es dem Darsteller dieser Figur, Volker Jeck auch nicht übelnehmen, dass er es in seiner zweiten Rolle als Roland Freisler nicht ganz auf die Spitze trieb. Denn die giftig-geifernd geplärrten Hass- und Hohntiraden, mit dem der Volksgerichtshofpräsident damals versuchte, den Angeklagten noch den letzten Rest an Würde zu nehmen, mag man in dieser Intensität heute gar nicht mehr hören.

Eine ganz besondere Persönlichkeit verkörperte Ralf Grobel als Gestapo-Kommissar Escherich höchst facettenreich. Die Schwankungen im Schicksalslauf dieses Büttels Adolf Hitlers, der in irrealer Selbsttäuschung "nur nach der Wahrheit" suchte und der vom Täter zum Opfer und wieder zum Täter wurde, sich schließlich eine Kugel in den Kopf jagte, ist eine der ambivalentesten Figuren in "Jeder stirbt für sich allein".

Stimmig besetzt

Das Stück war bis in die kleinsten Nebenrollen stimmig besetzt und die im Roman ausführlich geschilderten Nebenhandlungen wurden schlaglichtartig in die Geschichte der Quangels eingebaut. Kurz und präzise sind sie da beschrieben, mit ihren Worten und Taten, als "Held" oder "Schurke". Am Ende haben nur die wenigsten überlebt. Das sollte allen Menschen eine Mahnung sein, niemals mehr hinter den selbst ernannten Rettern der Nation herzulaufen.
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