Von der Lust als Laster
6. Internationale Gluck-Opern-Festspiele 2016

Seit 1985 rekonstruiert die französische Compagnie de danse L'Éventail unter der Leitung der Choreographin Marie-Geneviève Massé historische Tanzformen und stellt sie modernen Arbeiten gegenüber. Zwei Tanznummern, die unterschiedlicher nicht sein können, standen auf der Bühne im Amberger Stadttheater: Bildgewaltig "Don Juan", Ballett in drei Akten von Christoph Willibald Gluck und im Vorspann sehr minimalistisch "A corps baroque" Ballett von Marie-Geneviève Massé. Bild: gf
Kultur
Amberg in der Oberpfalz
25.07.2016
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Wenn Don Juan zur Hölle fährt, braust die Musik aus dem Orchestergraben und der Frauenverführer, der sein Schicksal ja wohl selbst besiegelt hat, könnte einem fast leidtun. Das Amberger Publikum ist fasziniert und verführt vom Prunk für Auge und Ohr.

Umringt von Mätressen und Furien in wallenden roten Gewändern windet sich der Frauenheld in den letzten Zügen. Das Bühnenbild zeigt das aufgerissen Maul des Teufels. Das Barockorchester der Hochschule für Musik Trossingen (musikalische Leitung: Anton Steck) sorgt im Orchestergraben mit Trompeten und Posaunen für die passende Tonkulisse. Unter viel Lärm öffnen sich die Pforten der Hölle, um den uneinsichtigen Sünder zu verschlingen. Das Orchester beruhigt sich. Betroffene Ruhe kehrt ein. Der Vorhang fällt. Das Publikum ist begeistert. Nach knapp 90 Minuten ist der Theaterabend vorbei. Zwei Tanznummern die unterschiedlicher nicht sein können standen auf dem Programm: Bildgewaltig "Don Juan", Ballett in drei Akten von Christoph Willibald Gluck und im Vorspann sehr minimalistisch "A corps baroque" Ballett von Marie-Geneviève Massé. Mozarts "Don Giovanni" ist ja bekannt. Aber der getanzte "Don Juan"? Christoph Willibald Gluck komponierte die unsterbliche Geschichte als Ballettversion, und Madame Massé hat sie choreographiert. Im Rahmen der 6. Internationalen Gluck-Opern-Festspiele 2016 brachte die Compagnie de Danse L'Éventail das Ballett am Freitagabend im Stadttheater Amberg auf die Bühne. Die Tänze waren der Entstehungszeit (1761 wurde das Ballett Don Juan mit Musik von Christoph Willibald Gluck in Wien aufgeführt) nachempfunden, die Reigen fein und zierlich, die Schritte ungewöhnlich, die Bewegungen in künstlicher Geziertheit.


Die Tänzer und Tänzerinnen stecken in prächtigen Kostümen und tragen mit Verzierungen geschmücktes, damals übliches Schuhwerk. Die Bewegungen sind einmal fließend und harmonisch, dann wieder emotional aufgeladen und ausdrucksstark. Die Kombinationen und Formationen wirken fröhlich, aber auch fremd. Es ist ein Tanz ohne Bühnenbild und Mobiliar.

Die Pforten der Hölle


Nur die Schlussszene erhält eine schaurige Kulisse. Die dahinfließende, manchmal dynamisch- dramatische Choreografie erzählt bildhaft, aber zahm (so, wie zu jener Zeit womöglich getanzt wurde) von der Lust als Laster: Don Juan trifft Donna Elvira. Der Komtur überrascht beide beim zärtlichen Beisammensein und sieht die Familienehre gefährdet. Es kommt zum Duell. Der Betagte zieht den Kürzeren. Das erschüttert den Frauenhelden nicht im Geringsten. Er vernascht, was ihm über den Weg läuft. Ein Fest wird gefeiert. Ein Gewitter kündigt sich an. Unheil droht. Die Pforten der Hölle öffnen sich unter dem Klang von Pauken und Trompeten. Der Teufel soll den Sünder holen! Für diese schwungvolle Inszenierung spenden die Zuschauer höllisch-lauten Applaus.

Gewagtes Spiel


Als gewagtes und zugleich faszinierendes Spiel der Standortbestimmung zwischen Tradition und Selbstfindung wird das Vorprogramm "A corps baroque" Ballett von Marie-Geneviève Massé angekündigt. Zwei Tänzerinnen verwandeln sich zu barocken Skulpturen. Vom Heute geht's in die Vergangenheit. Mittels Korsett und Schnürmieder führt die Zeitreise zurück ins 17. Jahrhundert. Aus den Zwängen, die der überdimensionierte hölzerne Reifrock symbolisiert, gleiten die Tänzerinnen spielerisch in ein fremdes Koordinatensystem. Aufklärung, Freiheit des Geistes, Revolution, moderne Zeiten - noch unbekannt.

Wieder zurück aus der Geschichte warten neue Zwänge. Viel Kopf steckt in dieser minimalistisch erzählten Tanz-Allegorie. Der Bauch bleibt leider hungrig, das Publikum ratlos.
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