Vor 50 Jahren ein Amberger Markenzeichen
Santin, Tanztee und die League 66

Da waren sie noch einmal: Vor 20 Jahren reisten die Mitglieder der League 66 zu einem finalen Auftritt nach Amberg und spielten bei einem Beat-Revival-Konzert im Josefshaus. Links Werner Schlenzig am Bass, dahinter Peter Mutzbauer am Schlagzeug, in der Mitte Rainer Krischke an der Leadgitarre und rechts Leonhard Kramarz an der Rhythmusgitarre. Archivbild: Steinbacher
Kultur
Amberg in der Oberpfalz
10.06.2016
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Kann sich noch jemand erinnern? Das Tanzlokal Metropol, zwischen Bahnhof und Kreisverkehr. . Archivbild: hou
 
Im März 1968 wurde in Frankfurt eine Single-Platte der Band League 66 aufgenommen. In ganz Amberg hingen kurz darauf Plakate, die auf Läden aufmerksam machten, in denen man die Scheibe kaufen konnte. Archivbild: hou

Sie saßen im Eiscafé Santin am Marktplatz. Vier junge Männer, die Musik machen wollten und eine Band gründeten. Sie bekam den Namen League 66 und wurde zum Amberger Markenzeichen einer zwar relativ kurzen, aber bei vielen unvergesslichen Zeit. Das ist nun genau fünf Jahrzehnte her.

Die Jungs von damals hießen Leonhard Kramarz, Peter Mutzbauer, Rainer Krischke und Werner Schlenzig. Bei anderen Beatgruppen der seinerzeit bereits existierenden lokalen Musikszene hatten sie Erfahrungen gesammelt. "Wir waren aber entschlossen, etwas anderes als die anderen zu machen", erinnert sich der seit langem in Freiburg wohnende Werner Schlenzig. Keinen harten Rock'n'Roll, den Bands wie die Rolling Stones und Gitarristen wie Jimi Hendrix vorgaben. Ihnen eiferten in Amberg Gruppen wie die technisch exzellenten Rotten Bones nach, zu denen Leute wie die Brüder Otto und Jonas Bergler, der Drummer Harald Ramm und der Organist Fritz Pawlick gehörten.

Die League 66 orientierte sich an Songs, die großteils kaum einer kannte. Und sie hatte mit Werner Schlenzig einen 18-Jährigen, der selbst komponierte, eine Ähnlichkeit mit Beatle Paul McCartney besaß und den gleichen unverwechselbaren Hoefner-Bass spielte wie der Mann aus Liverpool. Wenn er auftrat, war die Damenwelt entzückt.

Irgendwann im Frühsommer 1966 begannen sie zu proben. Durch die Hitparaden geisterte gerade ein Song der Kinks. Er hieß "I'm not like everybody else" und gehörte ab dann zum festen Repertoire der League 66, die sich sehr rasch einen großen Anhängerkreis eroberte. Dabei galt irgendwann im Lauf der Zeit: Wer zu ihren Fans zählte, durfte per Ausweis in einen rauchigen Keller an der Sulzbacher Straße. Er glich dem Cavern Club in Liverpool, aus dem die Beatles ihren Siegeszug rund um den Globus in den Jahren davor antraten. Leute, die sich dem engeren Freundeskreis der Rotten Bones angeschlossen hatten, wurden in diesem Gewölbe eher ungern gesehen. Die "Bones" hatten ihr eigenes Domizil in einem kleinen Raum unter dem Ziegeltor.

Premiere im Eisstadion


Den ersten offiziellen Auftritt der League 66 gab es im Spätherbst des Jahres 1966 im Amberger Eisstadion. Keiner kann sich heute genau daran erinnern, was der Anlass dazu war. Aber eines wissen Werner Schlenzig und der seit Jahrzehnten in Colorado/USA lebende Leonhard Kramarz noch ganz genau: "Jemand brachte uns Heizstrahler. Doch die Gitarrensaiten nahmen den ständigen Wechsel zwischen Wärme und Kälte übel. Es war unmöglich, sie auch nur für fünf Minuten gestimmt zu halten."

Ein paar Schritte vom Bahnhof entfernt gab es damals ein zwischenzeitlich längst abgerissenes Tanzlokal, das Metropol hieß. Dort spielten Live-Bands, fanden Amberger Polizei-Bälle und Partys statt.

Irgendwann wurde die League 66 vom Wirt engagiert. Allerdings nur für Mittwochabende und Sonntagnachmittage zum sogenannten Tanztee. Diese Veranstaltungen sind vielen Ambergern in ewiger Erinnerung geblieben. Schlenzig trat ans Mikrofon und machte McCartneys "I saw her standing there". Dann kamen Songs wie "Oh Maureen" von Paul Revere & The Raiders, "In my own time" von den Bee Gees, "Sittin' on my sofa" von den Kinks und "Let's live for today" von den Grassroots. Die Teenies auf der Tanzfläche waren begeistert.

Die erste Platte


Es gibt noch andere Erinnerungen an die League 66. Autogrammkarten wurden auf einer Walzenpresse der Amberger Zeitung gedruckt. Von einem Schriftsetzer, der später die Aufgaben des Chefreporters im gleichen Haus übernahm. Eine Schallplatte kam heraus. Sie hieß "Tomorrows Void" und wurde in den renommierten Frankfurter Waldorf-Studios aufgenommen.

Vom Marktplatz aus brach man dorthin auf. Mit Instrumenten im Gepäck und einer musikalischen Verstärkung. Der Mann hieß Herbert "Happy" Winkler, war Sohn eines Kriminalbeamten aus dem Eisbergviertel und spielte die Orgel. Winkler wurde später Kunsterzieher in Franken und machte auch als Künstler Karriere. Das Coverfoto zu der Platte, die heute als Rarität gilt, wurde im damaligen Lengenfelder Steinbruch von Franz Tischner aufgenommen. Nicht lange darauf starb er bei einem Unfall im Raum Neumarkt.

Beat-Stadtmeisterschaft


Im Josefshaus kam es seinerzeit zur sogenannten "Beat-Stadtmeisterschaft". Mit einer Reihe von Bands, die deutlich machten, dass Amberg weit und breit keinerlei Konkurrenz in Sachen "Sound of the Sixities" zu fürchten hatte. Die League 66 gewann vor den Rotten Bones, und der Jubel ihrer Anhänger kannte keine Grenzen. Der Lohn für die vier gefeierten Jungs nahm sich eher bescheiden aus. Er lag wohl bei 150 Mark.

Gegen Ende des Jahrzehnts war alles vorbei. Die League 66 trennte sich, jeder ging seiner Wege. Keiner von ihnen kehrte wohnsitzmäßig nach Amberg zurück. "Let's live for today" war verklungen. Doch es blieb bei vielen bis heute so im Ohr wie der "Last train to Clarksville" von den Monkees. Eine Coverversion der League 66, die man nach den Sonntagnachmittagen mit in die Woche nahm.

Vor zwei Jahrzehnten gab es dann im Josefshaus ein sogenanntes "Revival-Konzert". Dazu reisten alle vier noch einmal an, packten ihre Instrumente aus und legten los. Der zwischenzeitlich verstorbene Heribert Werner hatte dieses Treffen im ausverkauften Saal organisiert und so lange herumtelefoniert, bis auch Leonhard Kramarz aus den Staaten einflog. Damit war der finale Strich gezogen unter ein Stück musikalischer Stadtgeschichte in einer wilden Zeit.

Noch bevor andere Beat- und Rockbands aus Amberg aufhörten, zogen die vier Mitglieder der League 66 bereits 1968 einen finalen Strich unter ihre musikalische Tätigkeit.

Die Schulzeit war vorüber, es musste an berufliches Weiterkommen gedacht werden. Sie wechselten ihre Wohnsitze und kehrten danach eigentlich nur noch zu Verwandtschaftsbesuchen an die Vils zurück.

Leonhard Kramarz, ein Sohn der verstorbenen AZ-Redakteurin Maria Kramarz, absolvierte ein Volontariat bei der Sulzbach-Rosenberger Zeitung. Später ging er in die Vereinigten Staaten. Seit Jahrzehnten lebt "Len", wie sie ihn nannten, auf einer Ranch in Colorado. Es gab noch eine weitere Verbindung zur AZ. Werner Schlenzig, der Bassist, war ein Stiefsohn des ebenfalls bereits gestorbenen Redakteurs Joachim Kubeng. Während seiner Ersatzdienstzeit gelangte Schlenzig eher zufällig nach Freiburg im Breisgau. Dort wurde er später Lehrer und blieb.

Schlagzeuger Peter Mutzbauer wandte sich beruflich dem Vermessungswesen zu. Heute lebt er in Helmstedt und ist wie Schlenzig im Ruhestand. Zum Schluss seiner Karriere war der Sohn eines Dekorateurs aus dem Dreifaltigkeitsviertel Prokurist in einem zum Eon-Konzern gehörenden Tagebaubetrieb. Rainer Krischke, dessen Vater Arzt im Bergsteigviertel war, studierte Medizin, promovierte, eröffnete eine Praxis in Karlsruhe und hat sich zwischenzeitlich zur Ruhe gesetzt. So wie seine damaligen Bandkollegen geht auch Rainer Krischke auf den 70. Geburtstag zu.

Den "Siebziger" haben unterdessen fast alle vor Augen, die damals zu den tragenden Figuren der Amberger Szene gehörten. Ihr Stammlokal war das "Whisky a Go Go" gleich neben der Paulanerkirche. Dort trat Peter Mutzbauer an so manchem Abend als Discjockey auf.

HintergrundNach Frankfurt ins Plattenstudio

Amberg. (hou) Der Aufbruch erfolgte vor dem Stammlokal: Am 22. März 1968 trafen sich die Mitglieder der League 66 vor dem Eiscafé Santin am Marktplatz (damals noch keine Fußgängerzone), um zusammen mit ein paar Freunden an den Stadtrand von Frankfurt in die renommierten Waldorf-Studios zu fahren. Ein Aufnahmeraum war für teures Geld gemietet worden, das Unternehmen "eigene Platte" konnte starten.

Die Übernachtung erfolgte in einem eher bescheidenen Quartier. Am nächsten Tag dann grenzenloses Staunen und eine faustdicke Überraschung: Die Waldorf-Tontechniker, eigentlich Aufnahmen mit weltweit bekannten Künstlern des Plattenlabels CBS gewohnt, mussten den Jungs aus der Oberpfalz erst mühsam beibringen, dass schon zu dieser Zeit jedes Instrument und der Gesang auf einzelnen Tonspuren aufgenommen werden mussten. Das war ungewohnt und völlig neu für die Amberger. Aber sie schafften es.

Am Nachmittag dieses 23. März gab es ein Aha-Erlebnis: Das Waldorf-Team präsentierte die von Werner Schlenzig komponierten Songs "Tomorrows Void" und "Happened 11.23 p. m." in perfekt arrangierten Fassungen. Die gepressten Single-Scheiben kamen nicht lange darauf per Post und wurden in Amberger Läden verkauft.
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