Weiterleben in der Warteschleife

Anna Franca Poddighe war zum Zeitpunkt ihres Verschwindens 41 Jahre alt und wog etwa 55 Kilo. Von der relativ kleinen Frau (1,53 Meter) fehlt seit drei Jahren jede Spur. Ihr letztes Lebenszeichen ist 36 Monate her, es war um die Zeit des Altstadtfestes (Wochenende vom 16. und 17. Juni 2012). Bild: Polizei
Kultur
Amberg in der Oberpfalz
12.06.2015
412
0

Der 17. Juni 2012 war ein sonniger Sommertag. Tausende waren damals am Altstadtfest-Sonntag unterwegs. Möglicherweise ist dies der Tag, an dem Anna Franca Poddighe verschwand. Jetzt ist wieder Altstadtfest, erneut verspricht der Wetterbericht sonnige Sommertage. Daniela Poddighe sucht noch immer nach Spuren ihrer Schwester.

Am 11. Mai fanden Arbeiter bei Rodungsarbeiten an einem Steilhang in Trier (Rheinland-Pfalz) die sterblichen Überreste von Tanja Gräff. Die junge Studentin war 21 Jahre, als sie nach dem Sommerfest der Trierer Fachhochschule am 7. Juni 2007 nicht mehr nach Hause kam. Ihre Mutter Waltraud durchlebte acht Jahre quälender Ungewissheit.

Daniela Poddighe kennt solch ein Leben in der Warteschleife, seit drei Jahren vermisst sie ihre Schwester. Die in Amberg lebende Italienerin hat am Vormittag des 15. Juni 2012 letztmals mit ihrer Schwester telefoniert. Anna Franca habe erzählt, sie müsse zur Bank, um Geld zu holen, und dann nach Hause, um zu packen. "Sie wollte zu einem Konzert in die Schweiz fahren", erinnert sich Daniela Poddighe.

Beunruhigendes Gefühl

Als sie einen Tag später erneut die Handynummer ihrer Schwester gewählt habe, sei Anna Franca nicht mehr rangegangen - nie mehr. In sozialen Netzwerken war die Frau vor ihrem Verschwinden sehr aktiv, ihr wohl letzter Facebook-Post datiert vom Altstadtfest-Samstag, 16. Juni 2012. Am frühen Abend kommentierte sie die Nachricht einer Arbeitskollegin. Dass Anna Franca Poddighe fortan nicht mehr erreichbar war, beunruhigte ihre zwei Jahre jüngere Schwester: "Dass sie sich nicht meldete, war völlig untypisch für sie." Sie habe sofort gefühlt, dass "ihr etwas zugestoßen sein muss". Den Gedanken, ihre Schwester könnte tot sein, wollte sie nicht zu Ende denken - damals nicht. Heute, nach 36 Monaten, in denen sie gewartet und gesucht, gehofft und gebangt hat, glaubt sie, dass Anna Franca nicht mehr am Leben ist. Sie formt mit Daumen und Zeigefinger ihrer linken Hand einen schmalen Spalt: ein Zentimeter Hoffnung, dass Anna Franca doch noch lebt - irgendwo und irgendwie.

Suchplakate verteilt

Am 24. Juni 2012 hatte sie Anna Franca bei der Polizei als vermisst gemeldet, fing auf eigene Faust an, die 41-Jährige zu suchen, verteilte selbstgebastelte Plakate in der Stadt. Am 2. Juli wäre Anna Francas Urlaub zu Ende gewesen, sie hätte wieder an ihrem Arbeitsplatz in der Betriebskantine von Siemens sein müssen - auch dorthin kehrte sie nie zurück.

Freiwilliger Ausbruch aus dem bisherigen Leben, Unfall, Suizid oder Verbrechen: Rein hypothetisch ist all dies möglich, wenn Menschen plötzlich verschwinden. All diese Varianten sind theoretisch im Fall Anna Franca Poddighe möglich. "Wir gehen davon aus, dass an Frau Poddighe ein Verbrechen verübt wurde", sagt Dr. Thomas Strohmeier.

Für den Oberstaatsanwalt spricht einiges dagegen, dass die 41-Jährige aus ihrem Leben ausgebrochen ist und ein neues angefangen hat. Die Frau sei sehr zuverlässig gewesen, was Vorgesetzte und Arbeitskollegen bestätigt hätten. Weiter führt Strohmeier die sozialen Bindungen der damals 41-Jährigen an. Sie habe Kontakt zu ihren Angehörigen, sowohl in Deutschland als auch in Italien, gehalten. "Für uns ist sie spurlos verschwunden", sagt der Jurist, betont aber gleichzeitig: "Wir haben den Fall nicht zu den Akten gelegt." Wenngleich er eingestehen muss, dass die Ermittler "keine heiße Spur haben".

Fuhr die bis heute vermisste Frau damals zu einem Konzert in die Schweiz, wie sie ihrer Schwester erzählt hatte? Oder ging sie am 17. Juni 2012 alleine von der Wohnung in der Barbarastraße in die Innenstadt, um auf dem Altstadtfest zu feiern, wie ihr damaliger Lebensgefährte gegenüber der Polizei ausgesagt hatte? Widersprüche wie diese machen es nicht leichter, den Zeitpunkt des Verschwindens von Anna Franca Poddighe einzugrenzen.

Im Sommer 2014 setzte die Polizei Spürhunde ein, um nach der auf Sardinien geborenen Frau zu suchen. Sogenannte Profiler, also ein speziell gebildetes Ermittler-Team, analysierten Aussagen und versuchten anhand dieser Daten ein mögliches Tatgeschehen abzuleiten. Eine Belohnung von 5000 Euro, ausgelobt vom bayerischen Landeskriminalamt für Hinweise: Nur wenig drang im Vermisstenfall Anna Franca Poddighe an die Öffentlichkeit. "Wir arbeiten aber jeden Tag an diesem Fall", macht ein Beamter der Kripo Amberg deutlich. "Wir gehen jedem Hinweis nach."

Bis heute keine Spur

Im Sommer 2012 klebte Daniela Poddighe Suchplakate an Bäume, Laternenmasten und Stromverteilerkästen, legte sie in Geschäften in der Stadt aus. "Anna, wo bist du?", fragten viele, die mit Anna Franca Poddighe in sozialen Netzwerken befreundet waren, die Nutzer in der virtuellen Welt. Ende März 2013 stellte Moderator Rudi Cerne in "Aktenzeichen XY ungelöst" den Fall einem Millionenpublikum vor, das italienische Pendant "Qui l'ha visto" hatte bereits am 19. September 2012 um Hinweise gebeten. All dies ergab keine Spur, die zu Anna Franca führte.

Dr. Thomas Strohmeier arbeitete früher als Oberstaatsanwalt in Nürnberg. Als er 2013 nach Amberg wechselte, gab er einen Vermisstenfall an seine Kollegen ab. "Bis heute ist er ungeklärt", weiß er. Acht Jahre dauerte es, bis im Fall des getöteten Nürnberger Schönheits-Chirurgen Franz Gsell sich eine Spur ergab, die schlussendlich zu einem Prozess und zu einer Verurteilung der Täter führte. Acht Jahre nach ihrem Verschwinden fanden Arbeiter in Trier durch Zufall das Skelett von Tanja Gräff. "Als Ermittler muss man in vielen Fällen einen langen Atem haben", sagt Strohmeier.

Waltraud Gräff, die Mutter der damals 21-jährigen Studentin aus Trier, sagte vor Jahren in einem Interview: "Zeit heilt alle Wunden, sagt man. Aber in meinem Fall ist die Zeit die Wunde." Daniela Poddighe weiß, wie zermürbend die Zeit ist. Der Schmerz sei immer da, sagt sie. Mal stärker, mal weniger. An manchen Tagen schaffe sie es nicht, Fotos ihrer Schwester anzuschauen. Das tue zu weh, gesteht sie.

Acht lange Jahre musste Waltraud Gräff die Ungewissheit ertragen, was mit ihrer Tochter passiert ist. An einen möglichen Mörder ihres Kindes hatte die Frau aus dem rheinland-pfälzischen Korlingen im vergangenen Jahr einen eindringlichen Appell über die Lokalzeitung in Trier gerichtet: Er möge ihr - auch anonym - sagen, wo ihr Kind zu finden sei: "Geben Sie Tanja ihre Würde zurück." Ihr größter Wunsch sei immer gewesen, ihre Tochter beerdigen zu können.

"Ich will die Wahrheit wissen", sagt Daniela Poddighe drei Jahre nach dem Verschwinden ihrer Schwester. "Mein Wunsch ist, dass sie gefunden wird - selbst wenn sie tot ist", sagt sie leise, aber mit fester Stimme, nicht wissend, wie lange das Leben in der Warteschleife weitergeht.
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.