Wie sich ein winz'ges Lüftchen regt

Es muss nicht immer Bach sein! Auf dem Karfreitags-Programm des Amberger Oratorienchors stand die Lukas-Passion, die Georg Philipp Telemann 1744 komponierte. 100 Minuten Barockmusik schmeichelten dem Ohr mit erstaunlich gefälligen Klängen.

Ja, es war wirklich schön, dieses besondere Musikereignis vor Ostern. Thomas Appel dirigierte die einfallsreiche, selten aufgeführte Telemann-Lukaspassion. Dynamisch lotete er die schnellen Wechsel von Rezitativen, Arien und Choreinsätzen aus. Mit Schwung verknüpfte er die virtuos-opernhaften Arien, die geradezu paradiesische Klänge hervorzauberten, mit den emotionalen Entladungen des Chores, die vom hasserfüllten Geifern bis hin zum vielschichtigen "Weh" große Gefühle markierten.

Die kleine aber feine Orchesterbesetzung lenkte er gefühlvoll durch die anspruchsvollen Anforderungen der Komposition. Präzise gab er die Einsätze für das perfekt besetzte Solistenensemble: Saskia Steinfeld, die schon in den vergangenen Jahren mit ihrem hellen, klaren Sopran bei Konzerten des Oratorienchors begeisterte, überzeugte auch diesmal mit traumhafter Sicherheit bei den schwierigen Koloraturen.

Arie ein Leckerbissen

Ein besonderer Leckerbissen war die Sopranarie "Wie sich ein winz'ges Lüftchen regt". Charmant illustriert Telemann einen Windhauch, um dann das Zittern des bösen Gewissens mit sinnfälligen Tonwiederholungen darzustellen. Mit ihrer beweglichen, glasklaren Stimme zeichnete Steinfeld diese pfiffige Bildhaftigkeit gekonnt nach. Victor Schiering meisterte die zahllosen erzählenden Textstellen als Evangelist mit großer Ausdruckskraft und verlässlicher Intonation. Neu und zum ersten Mal in Amberg zu Gast waren Gustavo Martin Sanchéz (Tenor), der in unterschiedlichen Rollen überzeugte, und Michael Marz (Bass), der in der Partie des Jesus überaus gut gefiel. Umfang und Strahlkraft seiner Stimme und das Gespür für seine Rolle passten perfekt.

Umsichtig führte Appel den Amberger Oratorienchor (Korrepetitor: Wolfgang Herrneder), der mit faszinierendem vielstimmigen Gesang beeindruckte. Einmal stellte er das Volk dar, das mit Pilatus um die Verurteilung Jesu rang. Dann wieder wurden betrachtende Choräle mit viel Stimmeinsatz und Engagement vorgetragen. Dynamisch abgestuft machten sie Affekte wie Erregung, Hass und Trauer hörbar. Man spürte die große Tragik und Tragweite der Leidensgeschichte.

Telemanns Musik strahlt Frische und Leichtigkeit aus, manchmal überrascht sie auch mit pikanter Experimentierfreude, was dem Amberger Sinfonieorchester bestens zu gefallen schien. Denn hellwach, temporeich und mit feinfühligem Spiel rollte das Orchester - unterstützt von Juliana David (Cello) und Ludwig Schmitt (Orgel) - einen herrlich warmen und akzentuierten Klangteppich aus, auf dem sich die gesanglichen Spannungsbögen von Verleugnung, Furcht, Verzweiflung und Hoffnung bestens entfalten konnten.

Donnernder Applaus

Würdig und dem Karfreitag angemessen verklang der letzte Ton in Stille, bevor donnernder Applaus hereinbrach.
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