Wolf Butter entführt in Kurt Tucholskys Gedichtwelt
"Du bist doch Mutterns Beste"

Am Klavier zeigte Wolf Butter, dass man Kurt Tucholsky auch singen kann. Mit schwarzem Anzug und Seidenschal ließ er frei rezitierend und sehr authentisch den Berliner Schriftsteller mit seinen Gedichten in der Stadtbibliothek wieder auferstehen. Bild: tat

Ein Gedicht auswendig aufsagen, kann fast jeder. Dagegen ist es eine Kunst, Werke eines Dichters so vorzutragen, dass die Worte zum Leben erweckt werden. Professor Wolf Butter beherrscht diese Kunst so gut, dass man fast glaubt, der Autor höchstpersönlich stünde vor einem. In der Stadtbibliothek nahm der Berliner Komponist und Schauspieler seine Zuhörer mit in die literarische Welt von Kurt Tucholsky.

Wolf Butter steht auf der Bühne. Ganz allein, ohne Requisiten, ohne Stuhl. Mit tiefer, dunkler Stimme, die leicht heiser und rauchig klingt, begrüßt der charismatische Mann sein Publikum. "Sind Sie wegen mir hier oder wegen Tucholsky?", scherzt er und sogleich gehört Butter die ganze Aufmerksamkeit. Er erzählt Anekdoten aus dem Leben des Berliner Schriftstellers und plötzlich ist man mitten in einem seiner Gedichte.

Mimik und Gestik lebendig


Butter rezitiert sie ohne Manuskript, aber mit Hingabe, lebendiger Gestik und Mimik. Die Zeilen fügen sich völlig nahtlos in die Erzählungen ein, ergeben sich wie selbstverständlich aus der Lebenssituation Kurt Tucholskys. Es sind humorvolle Gedichte, die der Mann mit dem imposanten Schnurrbart für diesen Abend ausgewählt hat. Butter selbst sorgt mit seinen Schilderungen ebenfalls für Heiterkeit. Er geht auf das Publikum ein und sucht sich gezielt Personen aus, denen er das nächste Tucholsky-Gedicht quasi widmet.

"Mädchen, kein Casanova hätte dir je imponiert. Glaubst du vielleicht, was ein doofer Schwärmer von dir phantasiert? ... Du bist doch Mutterns Beste, du, die Berlinerin."

Auf dem Streifzug durch das Leben von Kurt Tucholsky offenbart Butter, dass dieser ein ziemlicher Lebemann war, der mit Ehe und bürgerlichem Leben wenig am Hut hatte. Als er seinen Roman "Rheinsberg" erfolgreich vermarktet hatte, gönnte er sich 40 Maßanzüge, dazu passende Krawatten, Hüte, Schuhe und 120 Batist-Taschentücher. Geschichten wie diese spiegeln das Leben Kurt Tucholskys und sind für das Verständnis der Werke wichtig.

Für Wolf Butter ist Tucholsky dabei ein "Klassiker der kleinen Bühne", genauso wie Erich Kästner oder Joachim Ringelnatz. Nicht die ganz große Literatur, aber dafür nah am Leben der Menschen. Und erstaunlicherweise könnte das, was der Berliner Autor niederschrieb, auch aus heutiger Zeit stammen: Kritik am brav konsumierenden Bürger ("Merkt ihr nischt?") ebenso wie das sich verändernde Liebesleben eines Ehepaars ("Danach") oder schlichtweg aufkommende Frühlingsgefühle ("Der Lenz ist da").

Am Schluss Ringelnatz


Kurt Tucholskys literarisches Wirken war wenige Jahre vor seinem Tod fast beendet. Und so neigte sich auch der Abend in der Stadtbibliothek unweigerlich dem Ende zu. Wolf Butter trug zum Schluss Joachim Ringelnatz' Gedicht "Ein Nagel saß in einem Stück Holz" vor und lud das restlos begeisterte Publikum damit schon mal zu einem Ringelnatz-Abend im nächsten Jahr ein.
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