105-jährige Kinogeschichte der Stadt geht zu Ende
Es war doch "nur" ein Kino

Zum Ende des Ring-Theaters gab es noch einmal ein volles Haus. Alte und junge Kinofreunde verabschiedeten sich von einer Amberger Institution. Bild: Hartl

Samstag, 28. Februar 2015, 22.40 Uhr: Der Abspann von "Ziemlich beste Freunde" läuft über die große Leinwand im Ring-Theater. Verhaltender Beifall brandet auf. Das war's. Die alten Amberger Kinos gibt es nicht mehr. In der 105-jährigen Kinogeschichte der Stadt wird ein Kapitel zugeschlagen.

Ein paar Stunden vorher: Annemarie Wiesnet und Inge Honig stehen in der ehemaligen Garderobe neben dem Saal und erinnern sich an über zwei Jahrzehnte, die sie hier gearbeitetet haben. Der Raum, in dem schon lange keine Mäntel und Jacken mehr abgegeben werden können, strahlt ganz besonders das Flair der 50er Jahre aus, als Ferdinand Frey mit dem Bau des Ring-Theaters einen ganz großen Coup landete und die Amberger Kino-Landschaft völlig umkrempelte.

So ähnlich empfinden es die beiden Damen jetzt auch. Draußen vor der Stadtmauer steht er schon, der hochmoderne Multiplex-Klotz, der den beiden noch verbliebenen alten Lichtspielhäusern der Stadt den Todesstoß versetzt hat, ehe dort auch nur ein einziger Film zu sehen war. Andreas Wörz, der Enkel des Firmengründers, ist Realist genug, um zu erkennen, dass er gegen den Kinokonzern keine Chance hätte.

Vor den Showdown

Er selbst ist an diesem letzten Abend Mädchen für alles: Zunächst aufmerksamer Gastgeber für die Angestellten, die sich vor dem Showdown im Foyer zum Essen treffen. Ausdrücklich wird er sich später vor großem Publikum noch einmal bei den Frauen und Männern bedanken, die der Familie und den Amberger Kinos teilweise seit Jahrzehnten die Treue gehalten haben.

Kurze Zeit später steht Andreas Wörz hinter der Kasse, gibt zum letzten Mal die Eintrittskarten an die Besucher aus. Der Eintritt ist zwar frei an diesem Abend, doch Ordnung muss sein. Ohne Karte gibt es keine Gratisvorstellung. Die Menschen strömen.

Vorführer ist krank

Viele alte Bekannte, die zu den Stammkunden von Park- und Ring-Theater gehört haben. Auffallend zahlreich ist aber auch die Jugend vertreten. Ein bisschen Begräbnis-Tourismus mag dabei sein, doch die meisten kommen, weil sie sich verabschieden wollen von einem Stück ihrer Kindheit und Jugend - und natürlich auch von Senior-Chefin Elisabeth Wörz und ihrem Mann Peter, dem wohl einzigen Arzt Deutschlands, der in seiner Freizeit Popcorn verkauft hat.

Sohn Andreas hingegen ist in Hektik. Ausgerechnet am letzten Kinotag ist auch noch der Vorführer krank geworden. Und so übernimmt er dessen Part auch noch. "Der andere Vorführer Theo Rachl ist zwar da, aber der soll heute mal ganz privat sein", sagt er und schiebt die Festplatte in den Rekorder. Die Filmtechnik ist auf einem modernen Stand, Filmrollen hängen nur noch als Reminiszenz an die alte Zeit an den Wänden. Theo Rachl muss dann aber doch noch mal in sein altes Reich kommen.

"Ich bin seit 1. Dezember ein Cineplexianer", so erzählt er. Sentimentalitäten kann er sich nicht erlauben, Theo muss schauen, wo er bleibt. Auch wenn er dann doch ein wenig wehmütig seine Blicke über die alten Gerätschaften im Vorführraum schweifen lässt. Gleich geht der Film an, der Saal ist voll, es müssen zusätzlich Stühle und Bierbänke herangeschleppt werden. "Das letzte Mal war das bei Titanic der Fall", glaubt sich Stefan Bartmann zu erinnern, der lange Jahre die Filmkritiken für die Amberger Zeitung geschrieben hat. 1976 hat er hier seinen ersten Film gesehen. "Robin Hood von Walt Disney war das", so erzählt er. "Und seither habe ich mir unzählige Male die Wasserflecken an der Decke angeschaut." Jetzt wird es sentimental. Zum Glück geht das Licht im Saal aus. Die letzte Vorstellung beginnt.


Am Samstag schlugen die letzten Stunden des Ring-Theaters. Betreiber Andreas Wörz (48) öffnete ab 19 Uhr zur Abschiedsvorstellung. Zu sehen war der Film "Ziemlich beste Freunde". Zahlreiche Besucher kamen, um sich von dem Lichtspielhaus zu verabschieden.
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