29-Jähriger schlägt in der Nacht grundlos zu - Knapp an einer Haftstrafe vorbei
Aggressionen führen vor die Strafkammer

Der Mann hat zwei Gesichter. Die Behörden wissen, dass der 29-Jährige bei Kleinigkeiten ausrastet und wahllos zuschlägt. Anderseits kann er, wie seine Bewährungshelferin sagte, "freundlich, nett und zuverlässig sein". Nach langer Beratungszeit bekam er jetzt eine Chance vom Amberger Landgericht.

Es ging um üble Ausschreitungen. Auf einer nachtdunklen Gasse im südlichen Landkreis Schwandorf waren zwei Passanten im September 2013 grundlos angefallen und erheblich misshandelt worden. Ihr Pech: Sie kamen an einer Gruppe junger Leute vorbei, von denen einige meinten, für ein gewaltsames Intermezzo sorgen zu müssen.

Heuer im Frühjahr gab es dazu einen Prozess vor dem Schwandorfer Schöffengericht. Es kam zu Urteilen gegen Beteiligte, sprach aber den jetzt vor der Dritten Strafkammer des Landgerichts sitzenden 29-Jährigen frei. Er hatte abgestritten, sich eingemischt zu haben. Die Staatsanwaltschaft, deren Antrag auf eine Freiheitsstrafe gelautet hatte, ging in Berufung. So kam es zu einer Neuauflage des Verfahrens, das in Amberg mit einem Hinweis des Vorsitzenden Richters Gerd Dreßler begann.

Worte ans Gewissen

Dreßler hatte die Akten längere Zeit gelesen und riet dem 29-Jährigen: "Wenn Sie doch zugeschlagen haben, sollten Sie sich das jetzt überlegen." Damit war signalisiert: Die Strafkammer, auf deren Zeugenliste 27 Leute standen, war keineswegs überzeugt von der Unschuld des jungen Mannes. Aus gutem Grund. Es gab eine längere Reihe von Vorstrafen, die - wie Richter Dreßler wissen ließ - "deutliche Parallelen zu dem aufzeigen, was hier verhandelt werden soll". Immer wieder hatte der Arbeiter grundlos zugeschlagen, sich als gewalttätig entpuppt. Dafür saß er auch schon in Haft.

Nach einem Gespräch mit seinem Anwalt Josef Niedermeier kehrte der 29-Jährige in den Gerichtssaal zurück und sorgte für eine Situation, die so nicht zu erwarten war. Er gab zu, einem der damals grundlos attackierten Männer zwei Hiebe versetzt zu haben. Das Opfer war anschließend noch von weiteren Leuten aus der Personengruppe traktiert und weiter misshandelt worden.

Damit hatte die Strafkammer ein Geständnis. Interessant war die daraus resultierende Frage: Was würde sie tun mit dem Angeklagten, der demnächst Vater wird? Vor den Plädoyers wurde die Bewährungshelferin des 29-Jährigen vernommen, die ihm ein gutes Zeugnis ausstellte und dem Gericht riet: "Man kann ihm eine Chance geben." Die Frage lautete: Trotz laufender Bewährung und trotz Vorstrafen?

Erfolg für Verteidiger

Eine schwierige Entscheidung. Sie wurde für das Gericht nicht leichter durch die gestellten Strafanträge. "Er hat nichts gelernt", sagte Staatsanwältin Franziska Bücherl und verlangte zehn Monate Haft zum Absitzen. "Sechs Monate mit Bewährung sind genug", ließ Verteidiger Niedermeier erkennen und ergänzte: "Ohne sein Geständnis wäre hier wohl eine Verurteilung nicht möglich."

Die Richter berieten lange. Dann schlossen sie sich dem Verteidiger an und verhängten eine sechsmonatige Bewährungsstrafe. Der Mann muss außerdem 600 Euro zahlen und ein Anti-Aggressionstraining absolvieren.
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