Abgründe im "Jugendtreff"

Gerne hätte der Angeklagte (rechts) seine Aussage hinter verschlossenen Türen gemacht. Doch einem Antrag des Verteidigers Tim Fischer (Regensburg, links) widersprach die Strafkammer. Hier überwiege das öffentliche Interesse, konterte die Gerichtsvorsitzende. Bild: Huber

Kinder und Jugendliche kamen und gingen. Er selbst blieb. Ein Mann im fortgeschrittenen Alter, der sich in seiner Rolle als Gastgeber für Halbwüchsige gefiel. Warum er tat das, wird nun vor Gericht deutlich: Der Besitzer eines Partykellers in Pfreimd wollte seine abartigen sexuellen Neigungen ausleben.

Der seltsame "Jugendtreff" öffnete 1984. Drunten im Tiefgeschoss eines Pfreimder Wohnhauses gab es Regelungen: Einerseits Bier und Zigaretten für alle, andererseits aber klare Einlasszeiten. Sonntags war geschlossen, ansonsten von nachmittags bis 22 Uhr offen. "Ich wollte keinen Ärger mit den Nachbarn", ließ der nun des sexuellen Missbrauchs und der Vergewaltigung beschuldigte 56-Jährige Partykeller-Wirt vernehmen.

Eine Art Kneipe also. Mit Unterschieden zu legal angemeldeten Diskos oder Wirtshäusern: Auch Zwölfjährige durften rein und Zigaretten paffen, wenn ihnen der Sinn danach stand. Der Gerstensaft floss, Schnaps war offenbar nicht gestattet, Spielen am Geldautomat schon. Wenn jemand keine Münzen für den Getränkeautomaten hatte, wurde Flüssiges mitunter auch kostenlos ausgereicht.

Im Prozess geständig

Eine Kneipe, die 30 Jahre lang nie kontrolliert wurde. Musik, Party, Stimmung - und sexuelle Übergriffe des Hausherrn, von denen viele heute juristisch als verjährt gelten. Die Staatsanwaltschaft hat sie bewusst ausgeklammert und ihre Anschuldigungen auf nahezu 20 Vorfälle konzentriert, die sich ab dem Jahr 2000 ereigneten. Ausschließlich begangen an Buben und heranwachsenden jungen Männern. An Mädchen, mitunter auch zugegen, hatte der Keller-Wirt kein Interesse. Was sich ereignete, ging im wahrsten Sin des Wortes unter der Gürtellinie vonstatten. Nicht nur im Keller. Auch in anderen Bereichen des Hauses. Die Opfer schwiegen. Oft hatten sie "Belohnungen" wie Zigaretten oder 20 Euro von ihrem Gastgeber, der gleichzeitig auch zum Peiniger wurde, erhalten. Manche der Jungen veränderten sich danach in ihrem Wesen. Sie wurden aggressiv, zogen sich immer mehr zurück.

Am ersten Prozesstag vor dem Amberger Landgericht sagten auch Mütter aus, die bei ihren Söhnen seltsame Wandlungen feststellten. Eine ging schließlich zur Nabburger Polizei und brachte nach schier unglaublichen drei Jahrzehnten die Ermittlungsmaschinerie ins Rollen.

Der 56-Jährige ist geständig. Am ersten Prozesstag vor der Ersten Strafkammer räumte er seine Verfehlungen umfassend ein. Bis auf einen einzigen Fall. Ansonsten: "Das war so." Auch das Alter seiner Opfer will ihm bekannt gewesen sein. Einen der Buben holte er sogar von der Schule ab und brachte ihn zu sich heim ins Schlafzimmer. Die Mutter dachte, er sei bei seinem Vater.

Schweigen im Walde

"Wir hatten Schweigen vereinbart", sagte der 56-Jährige, den sie in der ganzen Stadt Pfreimd kannten. "Und die Eltern, die Behörden? Hat sich da keiner gekümmert?", fragte Kammervorsitzende Roswitha Stöber. Was folgte, wandelte Erstaunen zu Entsetzen: "Eine Mutter war mal da. Aber beklagt hat sie sich nicht." Keine Polizei, kein Ordnungsamt, kein Landratsamt. Aber Gerüchte und Mutmaßungen. Sie führten allerdings nie zur Anzeige. Bis eine 34-Jährige bei der PI Nabburg auftauchte und im Spätsommer 2014, drei Jahrzehnte nach Gründung des Jugendtreffs, eine Meldung machte. Ein paar Tage später brachte man den 56-Jährigen, sehr zum Unwillen vieler seiner Partygäste, in U-Haft. Denn jetzt war Schluss mit lustig. (Titelseite/Seite 3)
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