Aktivisten gegen Flüchtlingselend - "Gedenkstätte" in Amberg und ganz Europa
Bestattung ohne Tote

Obwohl hier kein Toter begraben liegt, macht die scheinbare Gedenkstätte nachdenklich. Bild: Huber
Ein Holzkreuz lehnt unscheinbar an einem Baum im Amberger Stadtgraben. Was ist dort passiert? Ein Unfall? Zu diesem Schluss hätten Spaziergänger beim ersten Hinsehen durchaus kommen können. Doch das Marterl hat einen anderen Hintergrund. In Amberg, Berlin, Bern und vielen weiteren Städten tauchen seit fast zwei Wochen symbolische Gräber an öffentlichen Plätzen auf - doch vergraben liegt dort niemand. Von Parks über Marktplätze und sogar an Bushaltestellen, überall lassen sich die unechten Ruhestätte finden.

Gedenken an Flüchtlinge

Hintergrund der Kreuze ohne Gräber, ist die symbolische Bestattungsaktion der Gruppe "Zentrum für politische Schönheit", bei der im Juni ungefähr 5000 Demonstranten vor dem Kanzleramt in Berlin gegen die "Anti-Flüchtlingspolitik" der deutschen Regierung protestierten. Ursprünglich geplant war dabei ein "Marsch der Entschlossenen", bei dem mit einem Bagger der Vorplatz des Kanzleramtgebäudes aufgegraben und in einen großen Gedenkfriedhof verwandelt werden sollte. Das große Graben untersagte die Polizei allerdings - wenige Tage zuvor hatten die Aktivisten eine tote Syrierin mit Hilfe der Angehörigen identifiziert, nach Berlin gebracht und dort beerdigt.

Ab Ende Juni wurde die Aktion zum Selbstläufer und es fanden sich in vielen Städten in Deutschland und ganz Europa symbolische Gräber mit Kreuzen, Kerzen und Blumen. Sogar Pflastersteine wurden an mehreren Orten für die Inszenierungen ausgehoben und bisweilen auch mit Papierschiffen versehen. "Grenzen töten" oder "Den Opfern der EU" stand beispielsweise auf den figurativen Ruhestätten.

Auch in Amberg beteiligte sich ein Aktivist an dem Geschehen. Das Kreuz auf dem "Unbekannter Flüchtling" geschrieben stand, lehnte mitsamt roter Kerze und oranger Blume an einem Baum im Stadtgraben nahe des Englischen Gartens. Die Erde vor dem Kreuz sah frisch aufgegraben aus - so, als hätte jemand tatsächlich ein Grab ausgehoben.

Amberger Aktionskünstler

Ein Foto der Amberger Aktion tauchte in dem sozialen Netzwerk Tumblr auf. Dort hatte es jemand anonym auf der Seite "unknown refugees" (unbekannte Flüchtlinge) gepostet. Die Seite veröffentlicht Bilder von den Grab-Aktionen in ganz Europa. Mittlerweile hat jemand das Kunstwerk in Amberg entfernt.

Das Motiv des anonymen Amberger Künstlers ist wahrscheinlich - wie auch der Anstoß der Mutteraktion in Berlin - Protest gegen das Elend der Flüchtlinge. Vielleicht wollte er oder sie auch den bereits verstorbenen Flüchtlingen gedenken - denn denen, die namenlos ums Leben kamen, wurde keine Bestattung und bis jetzt auch keine Gedenkstätte zuteil.
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