Alte Menschen aktivieren

Musikgeragogik soll auch erkrankten Senioren helfen, sich Dinge zuzutrauen, mit denen niemand gerechnet hatte. Das Projekt im Altenheim an der Hellstraße kam hervorragend an. Bild: hfz

Eine durch Demenz sprachlich reduzierte Seniorin singt freudestrahlend ein Volkslied mit vollständigem Text. Gibt es das?

"Gera - was?", fragen viele nach, wenn sie von einem aktuellen Projekt im Seniorenheim der Diakonie hören. Die Antwort lautet, langsam ausgesprochen: "Musik-ge-ra-go-gik".

Dies ist eine Fachdisziplin im Schnittfeld von Musikpädagogik und Geragogik, wobei Geragogik für die Bildung und Förderung alter Menschen steht. Ein typisches Arbeitsfeld von Musikgeragogen bietet sich in Alteneinrichtungen mit den Schwerpunkten Gruppenangebote, Einzelbetreuung schwer Pflegebedürftiger und Musik für Demenzkranke an.

Wohlbefinden steigern

Zielsetzungen können unter anderem sein: Steigerung der Lebenszufriedenheit und des Wohlbefindens, der Sinnerfahrung und des Erlebens erfüllter Zeit oder eine Reaktivierung von demenzerkrankten Menschen.

Jeden Donnerstagvormittag trafen sich die Teilnehmer im Emma-Lampert-Zimmer. Dort saßen sie im Stuhlkreis um eine zum Thema der Stunde gestaltete Mitte wie Waldspaziergang, Urlaub am Meer, Schlossbesichtigung - Erfahrungsräume, die den Senioren aus früheren Zeiten bekannt sind.

Verschiedene Materialien wie Wanderschuhe oder Badehose dienen dazu, das Motto sichtbar zu machen. Ein immer gleiches Begrüßungslied eröffnet die musikalische Stunde.

Dort werden musikalische Angebote ermöglicht: Singen von Volks- und Kirchenliedern, Spielen von Orffinstrumenten zu Orchester- oder Blasmusik, Musik und Bewegung wie Sitztänze, freies Spiel mit Instrumenten zu Bildern oder Texten sowie Hören und Mitsingen von bekannten Schlagern und Melodien.

Ein gleichbleibendes Segenslied beschließt die Musikstunde und bietet zusammen mit dem Begrüßungslied einen vertrauten Rahmen. Im Mittelpunkt steht die Freude am Musizieren. Niemand muss etwas leisten. Kerstin Schatz stellt musikalische Ausdrucksmöglichkeiten zur Verfügung, die von den Senioren je nach persönlichem Vermögen ausprobiert und verwirklicht werden.

Unerwartete Fähigkeiten

In der vertrauten Umgebung der Musikgruppe kommen meist unerwartete Fähigkeiten und Verhaltensweisen der Teilnehmer zum Vorschein: Eine eher ängstliche, zurückgezogene Bewohnerin hat den Mut, ein Solo mit der Handtrommel zu spielen. Ein körperlich stark eingeschränkter Mann bewegt sich mit Freude zum Takt der Musik.

Auch der soziale Kontakt untereinander wird musikalisch ermöglicht: Instrumente bilden eine Gruppe und musizieren gemeinsam, alle bilden ein großes Orchester in dem jede und jeder Einzelne wichtig ist und Gehör findet. Dies soll das Selbstwertgefühl stärken.

Kerstin Schatz, in Amberg als Dekanatskantorin der evangelischen Paulaner-Kirchengemeinde bekannt, absolviert aktuell die Weiterbildung zur Musikgeragogin und führte dabei das achtwöchige Projekt an der Hellstraße. Daraus möchten die Verantwortlichen ein festes Angebot machen.
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