Alte Menschen akzeptieren, wie sie sind

Naomi Feil wurde 1932 in München geboren. Die US-amerikanische Gerontologin und ehemalige Off-Broadway-Schauspielerin hat unter der Bezeichnung Validation eine Methode für den Umgang mit dementen oder verwirrten alten Menschen erfunden. Diese soll Pflegenden ihre Aufgabe erleichtern. Validation ist in der Altenarbeit eine anerkannte Vorgehensweise. Bild: hfz

Naomi Feil, die bekannte amerikanische Gerontologin, kommt nach Amberg. Sie bietet einen Workshop zum Umgang mit desorientierten Senioren an. Und warnt davor, alte Menschen anzulügen.

Naomi Feil, 1932 in München geboren, hat unter der Bezeichnung Validation eine Methode für den Umgang mit dementen oder verwirrten alten Menschen erfunden. Die Validation soll Pflegenden ihre Aufgabe erleichtern. Am Donnerstag, 18. Juni, veranstaltet Feil dazu ihren Workshop im ACC. Er dauert von 9.30 bis 16.30 Uhr und richtet sich vor allem an Angehörige, Ärzte und Pflegekräfte.

In einem Interview hat Werner Dirrigl aus Amberg, selbst zertifizierter Validation-Anwender, im Auftrag der AZ Naomi Feil zu ihren Erfahrungen und Anliegen befragt.

Sie sind in einem Altenheim in Cleveland aufgewachsen, in dem Ihre Eltern verwirrte alte Menschen betreut haben. Welches ist Ihre wichtigste Kindheitserinnerung?

Naomi Feil: Mein frühestes und wichtigstes Kindheitserlebnis betrifft Florenz Lew. Sie wohnte im Montefiore Altenheim, in dem ich mit meinen Eltern lebte. Ich war ihre Freundin und kam jeden Tag nach der Schule zu ihr ins Zimmer. Wir haben alles, was an einem Tag passierte, in mein Tagebuch geschrieben. Einmal im Monat fing sie an zu schreien "Was für eine Kombination!" und lief bis zum Ende des Ganges. Dann verschwand sie für circa zwei Wochen. Nachdem sie zurückgebracht wurde, hatte sie sich verändert. Sie schrie nicht mehr. Auch sprach sie immer weniger mit mir. Später, als ich älter war, fand ich heraus, dass sie mit Elektroschocks behandelt worden war.

In der Zeit von 1960 bis 1982 haben Sie die Methode der Validation entwickelt, ein völlig neues Verfahren im Umgang mit desorientierten alten Menschen. Was waren die wichtigsten Gründe dafür?

Feil: Ich wollte den Menschen helfen, die mir so viel beigebracht hatten und die meine Freunde aus der Kindheit waren. Sie lehrten mich, wenn ich nicht auf sie höre oder wenn ich versuche, sie zu ändern, dass sie wie "lebende Tote" sind. Ich habe gelernt, dass desorientierte alte Menschen Kommunikation brauchen, um Gefühle auszudrücken und um sich nützlich zu fühlen.

Ein Motto von Ihnen lautet: "In den Schuhen des anderen gehen." Welches sind denn die wichtigsten Voraussetzungen, um sich in die innere Welt eines desorientieren alten Menschen hineinversetzen zu können?

Feil: Die wichtigste Voraussetzung für Validierung ist Empathie, das heißt, das zu fühlen, was die andere Person fühlt. Das Nächste ist, die eigenen Gefühle zu kennen und sie beiseitelegen zu können. Dann können Sie in die emotionale Welt der anderen Person hineintreten. Weiter ist wichtig, den desorientierten alten Menschen sorgfältig zu beobachten und zu sehen, welche Emotionen zum Ausdruck gebracht werden, und dann zu fühlen, was dieser fühlt.

Viele desorientierte alte Menschen werden von Angehörigen betreut, die nicht Validation gelernt haben. Was können Angehörige tun, um validierend mit einem verwirrten Familienangehörigen umzugehen?

Feil: Angehörige können lernen, sich zu zentrieren, um ihre eigenen Gefühle und Gedanken für eine kurze Zeit beiseitezulegen. Sie können den körperlichen Verfall und die emotionalen Bedürfnisse des Desorientierten akzeptieren. Am wichtigsten ist, dass sie lernen, nicht mit ihm zu streiten, ihn zu korrigieren oder ihn abzulenken. Sie können lernen, den desorientierten alten Menschen so zu akzeptieren, wie er ist.

Ein wichtiges Ziel von Validation ist, die emotionale Realität des desorientierten alten Menschen anzuerkennen. Was bedeutet das?

Feil: Pflegepersonen müssen verstehen, dass aggressives oder agitiertes (= unruhiges) Verhalten, sexuelle Ausdrücke oder jedes andere herausfordernde Verhalten nicht persönlich gemeint sind. Der desorientierte alte Mensch hat kein kognitives Selbstbewusstsein mehr. Stattdessen drückt er seine Bedürfnisse und Emotionen ungefiltert und unkontrolliert aus. Er hat die soziale Kontrolle verloren.

Viele professionelle Pflegekräfte sind heute unter Zeitdruck und verzichten auf Validation. Wie kann dieser Personenkreis motiviert werden, zu validieren?

Feil: Professionelle Pflegekräfte werden Erleichterung und Freude spüren, wenn sie aufrichtig mit desorientierten alten Menschen kommunizieren. Vor allem ist es die Gewissheit, dass durch die Anwendung von Validation der weitere geistige Verfall von Desorientierten verhindert werden kann. Validierung erfordert weniger Zeit als ständiges Argumentieren oder Ankämpfen gegen das Verhalten des Desorientierten. So kommt es zu weniger Stress und Burnout.

Was sind die wesentlichen Inhalte Ihres Workshops in Amberg?

Feil: Ich möchte, dass die Leute in meinen Workshops das Grundprinzip von Validation verstehen. Wenn sie einem alten desorientierten Menschen zuhören, dann fühlt sich dieser danach besser. Starke Gefühle, wie Ärger oder Trauer, werden weniger. Wenn sie versuchen, die Person abzulenken, dann werden die Gefühle oft geschluckt, und das Befinden der betroffenen Person wird sich verschlechtern.

Ich möchte den Teilnehmern im ACC zu erkennen geben, dass es nicht funktioniert, alte desorientierte Menschen anzulügen. Auch möchte ich die Bedeutung von Empathie vermitteln, das heißt, sich in den alten desorientierten Menschen einzufühlen und dadurch Vertrauen aufzubauen. Die Teilnehmer werden hoffentlich auch Selbstbewusstsein entwickeln und ihre eigenen Gefühle erkennen. Mit dieser Erkenntnis werden sie in der Lage sein, sich von ihren eigenen Gedanken und Gefühlen zu lösen, um sich für die emotionale Realität von desorientierten alten Menschen zu öffnen.
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