Am Abgrund der Endlichkeit

Die fortschreitende Wissenschaft macht menschliches Verstehen immer schwieriger, ist Prof. Dr. Wolfgang Schoberth überzeugt. So lässt sich ein Lichtjahr als Längenmaß exakt definieren. Rechnerisch. Und wer hat eine Vorstellung von dieser Entfernung? Bild: Steinbacher

Dogmatiker müssen keine starrköpfigen Besserwisser sein. Sie können sogar mit Paradoxien leben. Prof. Dr. Wolfgang Schoberth macht es vor. Allerdings nur bis zu einem ganz bestimmten Punkt.

(zm) Denn der Lehrstuhlinhaber an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) ist evangelischer Theologe. Jedoch auch Soziologe, Theaterwissenschaftler und Philosoph. All diese Fächer hat er studiert. Seit 2007 lehrt Schoberth systematische Theologie und bezeichnet die Dogmatik als einen seiner Schwerpunkte. Mit "unumstößlichen Wahrheiten", so eine selbstironische Anmerkung, könne und wolle er aber nur in einem sehr beschränkten Maß dienen.

Schobert sprach bei den 36. Erlanger Universitätstagen am Dienstag über "'Alles Ding währt seine Zeit' - Theologische Überlegungen zu Unendlichkeit und Ewigkeit". Nicht immer sind die Gastvorträge von FAU-Professoren so gut besucht wie heuer. Das Thema Unendlichkeit scheint nicht nur viele anzusprechen, es scheint auch viele zu beschäftigen, Schobert trifft diesen Nerv.

Er beschreibt systematische Theologie als die gegenwartsorientierte Disziplin seiner Lehre. Mit einer Einschränkung: "Alles Ding währt seine Zeit." Der Lehrstuhlinhaber bevorzugt die Methodik des Umkehrschlusses. Unendlichkeit erschließt sich mithin als die Negation, das Gegenteil von Endlichkeit. Damit entzieht sich das Unendliche einer definierbaren Größe und erreicht gewissermaßen den Status des Nicht-Gegenständlichen. Schobert: "Es ist gerade nicht ein Etwas." Diese Eigenheit ruft die Theologie auf den Plan, wenn sie als jene Disziplin verstanden wird, die "das Unbegreifliche zu beschreiben" vermag.

Eine erste begriffliche Annäherung führt Schobert zu dem Naturphilosophen Anaximander von Milet (610 bis 546 v. Chr.). Auf der Suche nach dem Ursprung allen Seins entwickelte er die Vorstellung des in jeglicher Hinsicht Unermesslichen. "Ganz so entgrenzt wollten wir es dann aber auch nicht haben", beschreibt der Theologe die geistesgeschichtliche Motivation, es damit nicht bewenden lassen zu wollen.

Gregor von Nyssa (335/40 bis 394 n. Chr.) markiert deshalb die Schnittstelle, an der Unermesslichkeit mit Gotteserfahrung in Verbindung gebracht wird. Der hoch gebildete Bischof verschmilzt platonische und christliche Beschreibungsmuster des Seins und erhebt Unendlichkeit zu "einem Gottesprädikat". Damit tun sich laut Schoberth Spannungsfelder zwischen Scharfsinn und Mystik auf, die sich in einer "schrankenlosen Vollkommenheit" auflösen sollen.

"Alles, was wir über Gott sagen, stimmt und stimmt nicht", folgert der Theologe daraus und landet bei dem Fachkollegen sowie Philosophen Friedrich Daniel Schleiermacher (1768 bis 1834). Der hat Religion als "Sinn und Geschmack für das Unendliche" beschrieben und damit aus theologischer Sicht die Subjekt-Objekt-Beziehung in der menschlichen Wahrnehmung aufgehoben. Unendlichkeit - in der religiösen Auslegung eher Ewigkeit - ist mithin nicht rational verstehbar, aber durchaus erfahrbar.

"Was jenseits des Begreifbaren ist, bleibt nicht begreifbar", ist aber als Hoffnung durchaus existent, erklärt Schoberth. Hoffnung wohnt jedoch der Aspekt der Unendlichkeit unabdingbar inne. Erfüllt sie sich, tritt sie in die Gegenwart ein und löst sich damit auf. Eine in die Vergangenheit gerichtete Hoffnung gibt es nicht, sie braucht gewissermaßen die Projektion in die Zukunft.

Deshalb vervollständigte Schoberth seinen Vortragstitel "Alles Ding währt seine Zeit" abschließend um den diesen Worten unmittelbar folgenden Halbsatz "Gottes Lieb' in Ewigkeit". In dem Lied "Sollt' ich meinem Gott nicht singen" (Paul Gerhardt, 1659) schließen diese zwei Zeilen jede Strophe ab. Nur in der letzten heißt es: "Bis ich dich nach dieser Zeit/Lob' und lieb' in Ewigkeit."
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