Amberg.
Amberg packt an

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Matthias Konheiser. Bild: hfz
 
Eva Schmid-Menetché. Bild: hfz
Seit mehr als einem Jahr hält der Flüchtlingszustrom Behörden und Ehrenamtliche in Atem. Doch die Stimmung ist nicht umgeschlagen. Im Gegenteil: Immer mehr Menschen aus der Region engagieren sich, um Asylsuchenden Orientierung in einer fremden Welt zu geben. Die AZ hat Helfer gefragt, was sie antreibt.

Der Flüchtlingspate

Matthias Konheiser hilft bei der Einrichtung von Flüchtlingswohnungen. Der 28-jährige Kaminkehrer holt Möbel ab, transportiert und montiert diese in den Wohnungen von Flüchtlingsfamilien. "Als moralischer Mensch ist es für mich selbstverständlich, Kriegsflüchtlingen zu helfen. Mir ist durchaus bewusst, dass das nur ein kleiner Beitrag ist, aber es ist mein Beitrag, meine Chance diese Welt etwas friedlicher, gerechter und besser zu machen", sagt er. Konheiser hat die Patenschaft für Ezat Mir übernommen, einen 22-jährigen Afghanen, gegen den die Taliban das Todesurteil verhängt haben. Vor zwei Wochen war Konheiser mit Ezat beim afghanischen Konsulat in München und hat einen Pass beantragt. Der Fakt, dass bisher kein afghanischer Pass vorgelegt wurde, war bisher die Begründung für die Ablehnung seines Asylantrags. "Ezat will unbedingt eine Ausbildung machen, er spricht schon gut deutsch und wäre leicht zu integrieren. Seit vier Jahren ist er nur geduldet, darf nicht aus der Asylunterkunft Kümmersbrucker Straße ausziehen."

Die gute Seele der Notunterkunft

Für viele Flüchtlinge, die in Amberg gestrandet sind, bietet Eva Schmid-Menetché ein freundliches Lächeln und eine helfende Hand. Die 45-jährige Angestellte im öffentlichen Dienst ist immer da, wenn in der Notunterkunft an der Barbaraschule Hilfe gebraucht wird. Sie gibt das Essen aus, verteilt Sachspenden, begleitet die Neuankömmlinge beim Arztbesuch, spielt mit den Kindern.

"Ich bin mittlerweile Ansprechpartner für alle möglichen Bedürfnisse und Sorgen der Flüchtlinge", sagt sie. "Wir gehen gemeinsam einkaufen, ich erkläre ihnen Dinge, die für uns selbstverständlich sind: Mülltrennung, Gepflogenheiten, Bräuche. Wir lernen gemeinsam Deutsch, essen, lachen, weinen und reden miteinander." Die Nachrichten von Krieg, Folter, Vergewaltigung, und Unterdrückung hätten sie rat- und hilflos gemacht. "Diese Hilflosigkeit kann ich hier in aktive Hilfe umwandeln", sagt die gute Seele der Notunterkunft. Tag für Tag wird sie nun mit den Dramen konfrontiert, die hinter den Fernsehnachrichten stecken. "Und ich sehe mich anhand der teilweise traumatischen Erlebnisse in der Pflicht, etwas zu tun. Niemand setzt sich ohne Not als Nichtschwimmer in ein überfülltes Boot, verkauft sein Hab und Gut, um sich, seiner Familie und insbesondere seinen Kindern eine anstrengende, zehrende und dramatische Flucht zuzumuten."

Auch im Bekanntenkreis der 34-Jährigen wird kontrovers über die Flüchtlingsproblematik diskutiert. "Das ist auch gut so. Es kann sein, dass an der einen oder anderen Kritik etwas dran ist", räumt Schmid-Menetché ein. "Ich nehme die Aussagen durchaus ernst und habe keine rosarote Brille auf", betont sie. "Dennoch: die lachenden, freundlichen Menschen und fröhlichen Kinder, die mich umarmen, geben mir Kraft, das weiter zu tun, von dem ich überzeugt bin."

Die Künstlerin

"Da ich drei kambodschanische Adoptivbrüder habe, die im Krieg als Kinder alleine zu Fuß geflohen sind, habe ich eine Vorstellung davon wie es sich anfühlt, alleine, mit schlimmen Erinnerungen, in einem fremden Land auf Freundlichkeit und Hilfe angewiesen zu sein", sagt Hanna Regina Uber. Die Bildhauerin aus Aschach hat im vergangenen Jahr die Initiative ergriffen und zusammen mit befreundeten Künstlern aus der Region die Kunstgruppe K11 im Asylbewerberheim an der Kümmersbrucker Straße gegründet. "Einen Abend in der Woche bieten wir den Flüchtlingen die Möglichkeit, sich entspannt und ergebnisoffen künstlerisch auszuprobieren", erzählt die 51-Jährige. Ein Miteinander, das viel zum gegenseitigen Verstehen beiträgt. "Dabei vertiefen die Bewohner auch ihre Deutschkenntnisse und natürlich diskutieren wir über Kultur und Gesellschaft. "


Die Deutsch-Türkin

Auf der Suche nach einer Möglichkeit, aktiv den hier ankommenden Flüchtlingen zu helfen, ist Ilknur Güngörbei Facebook auf den Verein "Amberg hilft Menschen" gestoßen. "Ich konnte die ganzen Hass-Postings nicht mehr ertragen und hatte deshalb beschlossen, selber tatkräftig mit anzupacken." Ihr Ziel sei es gewesen, den Neuankömmlingen beim Start in ein neues, besseres Leben zu helfen, erklärt die 43-jährige Büroangestellte aus Auerbach. "Das geht am besten, wenn man eine gut informierte Organisation hinter sich hat. "Amberg hilft Menschen" war daher ideal für mich. Bisher laufen die Aktionen unkompliziert und trotzdem gut durchorganisiert." Aktuell versuche sie, Sachspenden für die Wohnungen der Asylsuchenden zu sammeln. Für die Deutsch-Türkin ist das Engagement noch lange nicht zu Ende: "Ich freue mich darauf, bald eine Patenschaft für eine Flüchtlingsfamilie zu übernehmen und ihr dann das Leben in Deutschland näher zu bringen."

Der Jugendleiter

Er hat bereits etliche Urlaubstage geopfert und sieht das nicht als Verlust: Florian Schmid (25) aus Amberg kümmert sich um die Flüchtlinge, die in den Notunterkünften in Amberg und im Landkreis ankommen. "Es macht viel Spaß, zu sehen, wie man die Kinder und Erwachsene mit Spielen und Basteleien vom tristen Alltag ablenken kann", erzählt er. "Es macht den Leuten immer sichtlich Freude, mal was anderes machen zu dürfen und nebenbei Deutsch zu lernen." Auch für sich selbst verbucht der 25-Jährige sein Engagement als Bereicherung. "Ich bekomme Einblicke in die Gewohnheiten und die Sprache von Menschen aus anderen Ländern. Ich lerne ständig dazu." Schmid ist als Jugendleiter bei den Amateurfunkern aktiv. Als bei den Jugendverbänden nach Helfern gesucht wurde, hat er sich sofort gemeldet.

Der Feuerwehrler

Florian Singerist ehrenamtlich sowohl als Betreuer, als auch als Verantwortlicher in der Notunterkunft an der Barbaraschule tätig. Der 19-Jährige ist Mitglied bei der Feuerwehr Amberg, weshalb er schon beim Einrichten der Turnhalle mitgeholfen hat. "Ganz besonders hat mich beeindruckt, was für eine Hilfsbereitschaft und was für ein Lernwille bei den Flüchtlingen besteht", sagt der Azubi. "Jeden Tag kommen sie auf uns Einheimische zu und wollen Deutsch lernen." Das Engagement in den vergangenen Monaten hat den jungen Mann nachdenklich gemacht. "Wenn man mitbekommt, was diese Leute alles erlebt haben, dann kommt man auch selber ins Grübeln, darüber, wie gut wir es in Deutschland eigentlich haben."

Die Mütter

Doris Mehringer (52) arbeitet seit Mitte September 10 bis 15 Stunden pro Woche als Ehrenamtliche in der Notunterkunft für Flüchtlinge in der Barbaraschule. Über ihre Tochter, die bereits seit den Sommerferien dort tätig ist, erfuhr sie vom Engpass bei den ehrenamtlichen Helfern, nachdem die meisten Schüler und Studenten seit Schul- und Semesterbeginn kürzer treten.

Ihre Arbeit in der Notunterkunft umfasst alles, was anfällt: Mahlzeiten herrichten und ausgeben, Lagerbestände verwalten, mit den Kindern spielen oder erste deutsche Wörter lernen - wobei sich immer auch erwachsene Flüchtlinge anschließen. "Viele sind sehr wissbegierig und lernwillig", berichtet sie.


Eine Erfahrung, die auch Elke Dübeler gemacht hat. Die 67-Jährige steht zwei Mal pro Woche an der Willmannschule als Lesepatin zur Verfügung. "Ich merke, wie meine Arbeit wertgeschätzt wird", freut sich die Rentnerin.
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