Amberg nach Erkenntnissen von Berliner Forschern bereits um die Zeitenwende gegründet
Ein Rutsch zurück um 1000 Jahre

Als die Stadt Amberg 2009 ihre 975-Jahr-Feier startete, war den Fachleuten klar, dass die Siedlung an der Vils eigentlich schon viel älter sein dürfte. Neueste wissenschaftliche Forschungen katapultieren die Stadt jetzt möglicherweise sogar zurück in die Zeitenwende. Amberg wäre damit auf einen Schlag nicht 975, sondern rund 2000 Jahre alt.

Es wäre schon eine gewaltige wissenschaftliche Sensation, wenn das zuträfe, was eine Gruppe von Altphilologen, Mathematikhistorikern und Erdvermessern vom Institut für Geodäsie der TU Berlin jetzt in Buchform vorgelegt hat. Nach ihren Berechnungen lag vor 2000 Jahren dort, wo heute die Stadt Amberg steht, ein Ort namens Marobudum. Das war allerdings kein unbedeutendes Dorf im germanischen Niemandsland. Vielmehr gilt es als Hauptstadt des Markomannenreichs, eines Stammes, der um die Zeitenwende im Licht der Geschichte auftaucht.

94 Städte erfasst

Aber ganz an den Anfang: Um 150 nach Christus ging der griechische Mathematiker und Astronom Claudius Ptolemäus in Alexandria daran, die damals bekannte Welt zu erfassen. Das Ergebnis übertrug er auf 26 Karten. Eine davon zeigt Germania Magnus, für das er 94 Städte aufzeichnet. Da Ptolemäus nicht selbst in Germanien gewesen ist, griff er wohl auf die Angaben römischer Händler, Diplomaten und Landvermesser zurück, die das Land schon vor rund 2000 Jahren sehr genau erkundet hatten, die Handel mit den germanischen Stämmen trieben oder einfach nur versuchten, politisch Einflussnahme zu bekommen.
Und auch die römischen Legionen, die im wilden Barbarenland operierten, brachten recht exakte Aufzeichnungen mit. Nun passierten Ptolemäus bei der Übertragung der Daten auf die Karten aber einige entscheidende Fehler. Wie die Wissenschaftsredaktion des "Spiegel" vorab aus dem Buch der Berliner Forscher zitiert, unterlief dem Griechen bei der Übertragung der Kugelgestalt der Erde auf die Kartenfläche ein Maßstabsfehler. Zudem verknüpfte Ptolemäus wohl seine Teilkarten nicht richtig. Schon in vergangenen Jahrhunderten war daher kritisiert worden, dass die Karte von Ptolemäus beispielsweise den nördlichen Zipfel Deutschlands nach Osten verbogen hat, die Ostsee im Vergleich zur Nordsee viel zu groß ausgefallen sei. Als nun in der Türkei die älteste bekannte Abschrift der Weltkarte gefunden wurde, machten sich die Berliner daran, anhand eines komplexen mathematischen Modells die 94 Städte an ihren "richtigen" Platz auf der Landkarte zu rücken.

Siedlung an der Furt


Und so rutscht die Markomannen-Stadt Marobudum, die bisher wahlweise Budweis und Prag für sich reklamiert haben, urplötzlich um einige Hundert Kilometer nach Westen. So abwegig ist das nicht. Denn ziemlich exakt ermittelten die Forscher die Lage des Vorläufers von Hamburg oder Leipzig. Und auch Dresden bekam dadurch einen germanischen Vorgängerort verpasst. Warum also sollte sich das Berliner Forscherteam ausgerechnet bei Amberg/Marobudum geirrt haben? So ist bekannt, dass sich die Germanen gerne an Flussübergängen ansiedelten. Amberg aber liegt an einer Furt über die Vils, die in Höhe der heutigen Krambrücke zu suchen sein dürfte.

Es bleibt also ein erster Hinweis darauf, dass Amberg tatsächlich eine der ältesten Städte des Landes sein könnte. Das Stadtarchiv jedenfalls hat sich wegen der Veröffentlichung des Artikels auf "Spiegel Online" schon auf die Suche nach Spuren in den Archivalien gemacht. Und vielleicht stößt ja einmal ein Bagger bei Bauarbeiten auf Gräber oder andere Zeichen der frühen Besiedelung der Stadt. (Angemerkt/Hintergrund)

Andreas Kleineberg, Christian Marx, Eberhard Knobloch, Dieter Lelgemann: Germania und die Insel Thule. Die Entschlüsselung von Ptolemaios' "Atlas der Oikumene". Wissenschaftliche Buchgesellschaft; 131 Seiten; 29,90 Euro.
Weitere Beiträge zu den Themen: Oktober 2010 (8855)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.