Andere nutzen diesen Schatz

Ziemlich verblüffend, der direkte Vergleich zwischen Tallinn (auf dem Bild im Vordergrund) und Amberg, finden auch die AZ-Praktikanten Wolfgang und Laura. Bilder: Petra Hartl (4)

In Tallinn/Estland kennt jeder Besucher diesen Anblick: Die Stadtmauer und ihre Türme sind das Wahrzeichen der Stadt. Amberg könnte mit demselben Pfund wuchern. Tut es aber nicht. Schade - findet Beate Wolters.

Für die Stadtheimatpflegerin ist Ambergs Stadtmauer ein absoluter Lieblingsplatz: Gern kommt sie hier vorbei und genießt den Stadtgraben-Blick vom Vilstor Richtung Malteser. Zum Spaziergang mit der AZ hat sie ein Bild mitgebracht. Erst beim zweiten Hinschauen fällt auf: Das Foto zeigt nicht Ambergs Stadtmauer, sondern die von Tallinn - die Ähnlichkeit ist wirklich frappierend, sieht man einmal davon ab, dass die estnischen Türme rund, ihre Oberpfälzer Pendants eckig sind.

In Tallinn eine Attraktion

"Eine der Hauptsehenswürdigkeiten in Tallinn ist die Stadtmauer. Da wird jeder Fremde hingefahren. Und jeder Besucher kennt diese Ansicht", weiß Wolters: "Ich war in Tallinn und bin da auch mit dem Bus hingefahren worden." Der Anblick kam ihr vertraut vor. "Da habe ich mir gedacht: Menschenskinder, das haben wir doch auch!" Ambergs Stadtmauer schlummert allerdings touristisch im Dornröschenschlaf. Dabei "könnten wir da richtig was draus machen", betont die Stadtheimatpflegerin: "In Tallinn haben sie heute noch 1,85 Kilometer Stadtmauer, früher waren es 2,3 Kilometer. Unsere Mauer war 3,2 Kilometer lang - und wir haben davon bestimmt noch 2,5 Kilometer." Keine Frage, wer diesen Vergleich gewinnt.

Ein Pfund zum Wuchern

Ein - nicht nur - touristischer Schatz, mit dem Amberg punkten sollte, findet Wolters: "Wir haben da richtig was zu bieten. Wir könnten aus dieser Stadtmauer, aus dem Stadtgraben, richtig was machen." Weil das bislang nicht geschehen ist, hat der runde Tisch Tourismus das Thema jetzt im Visier. "Wir überlegen, ob wir den Stadtgraben nicht irgendwie bespielen können, um einfach mit diesem Pfund zu wuchern." Eine Idee ist es, entlang der Mauer, rund ums Ei, Luftkunstwerke aufzustellen, die Passanten aktiv erleben können - etwa, indem sie sie bewegen oder sich draufsetzen können. Ein solcher Spaziergang würde auch Ambergs imposante Befestigungsanlage in den Blick rücken.

Wolters hat dazu noch einen sehr prominenten Vergleich parat: "In Rothenburg guckt man sich die Stadtmauer auch an. Dabei sind dort ganz viele Stellen nachgebaut, weil sie zerstört waren. Bei uns ist es noch das Original - drei Viertel davon sind erhalten." Zum beeindruckenden Mauerwerk gesellen sich heute noch zahlreiche Türme. Nachgezählt hat Wolters bislang nicht. "Wir haben auf jeden Fall richtig viele davon." Augenzwinkernd fügt sie hinzu: "Damit könnten wir echt angeben."

Heute seien diese Türme "einfach nur schön" - früher hatten sie auch eine Aufgabe, erläutert die Heimatpflegerin: "Sie waren dafür da, dass man sie von hinten her mit Rampen, mit Kanonen bestücken und von da aus schießen konnte." Außerdem markierten diese Bauwerke einzelne Abschnitte der Befestigungsanlage. Für jeden davon waren bestimmte Bürger eingeteilt, die den Schutzwall in Ordnung zu halten und ihn auch zu bewachen hatten. Der Blick richtete sich nach innen ("Bricht irgendwo ein Feuer aus?") und nach außen ("Nähert sich jemand, der nicht hergehört?"). Das war Männersache, ergänzt Wolters - "fast wie eine Wehrpflicht, aber nur zum Wohle der eigenen Stadt".

"Die festeste Fürstenstatt"

Amberg gehörte damit im Mittelalter zu den am besten befestigten Städten. Davon zeugt laut Wolters auch der vielzitierte Spruch des Chronisten Michael Schwaiger, "München seyn die schönst, Leipzig die reichst, Amberg die festeste Fürstenstatt". Das könne man der Stadtmauer heute noch ansehen, obwohl sie ihre ursprüngliche Funktion verloren habe. "Früher war sie wirklich zur Verteidigung gedacht", heute biete sie einen romantischen, pittoresken Rahmen für einen wunderschönen Spaziergang rund um die komplette Altstadt.

"Von dem Verteidigungswerk ist dabei eigentlich nichts mehr zu spüren", sagt Wolters, findet das aber auch schön: "Eine mittelalterliche Stadt ist eine mittelalterliche Stadt - aber die darf sich auch verändern. Sie hat dieses Wehrhafte aufgegeben, obwohl es noch zu sehen ist. Und hat daraus etwas anderes gemacht: einen Naherholungsbereich."

Mehr als nur ein Bollwerk

Die Heimatpflegerin hat selbst schon einige Stadtführungen zu diesem Thema geleitet - "dabei kann man unglaublich viel sehen". Zum Beispiel, wie aus der Stadtmauer Häuser gebaut wurden. Damals, im Gegensatz zu heute, gar keine gute Wohngegend. "Die armen Leute haben ihre Häuser an die Stadtmauer gebaut, dann hatten sie schon eine Wand." Auch das kann man noch gut erkennen, an den Wehrgängen zwischen den Türmen - "da geht die Stadtmauer in das Stadtmauerhaus über, der Wehrgang schlüpft hier einfach in das Haus hinein". Nur zwischen Malteserplatz und Wingershofer Tor und beim Bahnhof ist die Befestigungsanlage nicht mehr erhalten.

Eigentlich sind es zwei Mauern, konkretisiert Wolters - "vorne die kleine Mauer, das ist der Zwinger und dahinter, mit den Türmen, die eigentliche Stadtmauer, mit Türmen und Wehrgang". Im östlichen Teil war der Stadtgraben einst mit Wasser gefüllt. "Sogar ziemlich lang, noch bis vor fast 100 Jahren." Der westliche Teil dagegen war nie geflutet.

Ruhe und Entspannung

Als man das Bollwerk nicht mehr zum Schutz brauchte, wurden hier Grünanlagen geschaffen. Auch die sind einen Besuch wert. Und regen bei Wolters die Fantasie an: Beim Blick in Richtung Maxplatz "stelle ich mir immer diese sonntagsgewandeten 19.-Jahrhundert-Bürger vor - die Frauen mit ihren ausladenden Röcken und Schirmchen: Das ist dann schon die Zeit, in der die Befestigungsanlage nicht mehr nötig war, um die Stadt zu verteidigen." Damals wurde sie, was sie heute noch ist: ein Genuss für alle, die mitten in der Stadt ein bisschen Ruhe und Entspannung suchen.
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