Ansturm auf die Fund-Räder

Punkt 10 Uhr, die Tore öffnen sich. Die jungen Männer haben es auf die Fahrräder abgesehen. Bild: Hartl

Für das "Top-Bike", das der Bauhof im November 2013 aus der Vils fischte, gab es keinen Interessenten. Dafür lieferten sich die Besucher des Fundsachen-Flohmarktes um die anderen 50 herrenlosen Fahrräder einige Scharmützel.

Es war einer dieser Vilsschwimmer: Gegenstände, die ihre Besitzer achtlos in den Fluss geworfen hatten. Wochen- oder gar monatelang umspülte Wasser das silberfarbene Fahrrad, bis der städtische Bauhof es am 23. November 2013 herausfischte. Das Fund-Datum war feinsäuberlich auf einem Etikett notiert, das unter der Gabel baumelte. Darunter der Preis: fünf Euro.

511 Fundstücke

Am Samstagvormittag sollte für das Fahrrad beim Fundsachen-Flohmarkt in der Eishalle am Schanzl ein zweites, besseres Leben beginnen. Doch niemand wollte es haben das einst topmoderne Gefährt der Marke "Top-Bike". Vielleicht weil der Rahmen angerostet und die Kette abgesprungen war. Vielleicht, weil neue Reifen hätten gekauft werden müssen. Noch am Samstag war das endgültige Schicksal des Fahrrads besiegelt. Die Feuerwehr warf es am Nachmittag in den Altmetall-Container am Gailoher Wertstoffhof.

"Ein Vilsschwimmer hat's nicht leicht", weiß der Leiter des Organisations- und Personalamts der Stadt, Hans-Georg Schrüfer. Seine Abteilung ist für die Fundsachen und deren Verwertung zuständig. Zum elften Mal hatte Schrüfers Team am Samstag einen Flohmarkt organisiert, um die Gegenstände an den Mann oder die Frau zu bringen, die im Laufe des Jahres irgendwo im Stadtbereich vergessen, liegengelassen, verloren oder einfach entsorgt worden sind. 511 Teile waren es diesmal - neben Fahrrädern viele Halskettchen, Sonnenbrillen, Jacken und und Handys.

Als Stadt-Mitarbeiter Jürgen Sterk um Punkt 10 Uhr die Tore zur Eishalle öffnet, stürmen die Wartenden los. Ganz vorne dran sind die jungen Männer, die im Asylbewerberheim wohnen. Für sie bietet sich die einmalige Chance, für wenig Geld endlich einen fahrbaren Untersatz zu ergattern. "Pro Person nur ein Fahrrad", ruft Josef Singer vom Organisationsamt immer wieder durch die Halle. Widerwillig stellt ein Mann die beiden Räder zurück in die Reihe, die er eigentlich für seine Verwandten mit nach Hause nehmen wollte.

Streithähne trennen

Um ein 20 Euro teures, gelb-blau lackiertes Mountainbike bahnt sich eine handfeste Auseinandersetzung an. "Ich bin eine Frau! Ich bin eine Frau!", schreit eine Interessentin, während sie mit beiden Händen den Sattel festhält. Am Lenker kleben die Finger eines älteren Herren, der darauf besteht, zuerst zugegriffen zu haben. Als sich eine Menschentraube um die beiden Streithähne bildet, greift Josef Singer ein. Zeugen bestätigen, dass der Mann früher dran war. Seine Kontrahentin sucht schimpfend das Weite.

Mit einem Erlös von etwa 1000 Euro rechnet Schrüfer für heuer. "Das Geld kommt wieder caritativen Einrichtungen zugute", erklärt er. Der ERSC als Hausherr bekommt immer ein Stück vom Kuchen. In den vergangenen Jahren gab es Spenden für die Jugendarbeit der Feuerwehr, für die Tafel und die Orgel von St. Martin. "Über die Verwendung entscheiden wir immer erst nach dem Kassensturz." Die Bilanz ziehen Schrüfer und sein Team ein bisschen früher als sonst. Weil die Resonanz nicht so große ist wie sonst, ist nach einer Stunde schon wieder Schluss.
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