Auf der Jagd nach den Millionen

Die Reise um den Erdball dauerte zwar nicht 80 Tage wie bei Jules Verne. Aber sie war genauso abenteuerlich, mitunter bizarr und unglaublich wie im Roman. Vier Stunden im Landgericht, die man nicht vergessen wird.

Erst wurden im Prozess gegen einen Amberger Finanzmakler 120 Minuten lang Mails verlesen. Alle meist in englischer Sprache verfasst und, wie eine Sachverständige wissen ließ, bisweilen mit Fehlern behaftet. In den Botschaften, die ausgedruckt vorlagen, war von 500 Millionen Euro die Rede, an die diverse Leute kommen wollten. Doch dazu, hieß es, müssten erst noch Finanzbeträge beschafft werden, um den Geldtopf mit Gebührenzahlungen auszulösen.

So schrieb also ein gewisser Jeffrey aus Großbritannien an den nun vor der Ersten Strafkammer sitzenden Makler: "Jetzt sind wir fast am Ende des langen Weges angelangt. Geben Sie alles, um noch 960 000 Dollar zu beschaffen." Tatsache ist: Es sollen rund vier Millionen Euro von gutgläubigen Darlehensgebern angeworben und hohe Renditen versprochen worden sein. Davon ist bisher nichts mehr aufgetaucht.

Während dies erörtert wurde, fuhr unten im Hof des Landgerichts ein Gefangenenwagen aus Weiden vor. Ihm entstieg der 69-jährige Wolfgang S., von dem man glaubt, dass er oberster Drahtzieher der Abzockereien war. Der unterdessen zu elf Jahren Haft verurteilte Ex-Unternehmer sollte als Zeuge gehört werden, er hätte ein Aussageverweigerungsrecht gehabt. Davon Gebrauch zu machen, riet ihm sein Anwalt Jörg Jendricke. Doch Wolfgang Artur Franz S. nahm Platz und begann wortreich zu erzählen.

Enormer Mitteilungsdrang

Die Richter und alle anderen, die im Sitzungssaal saßen, erlebten eine Reise auf alle Kontinente dieser Welt. Der 69-Jährige, der wohl bis heute glaubt, unschuldig eingesperrt worden zu sein, und sich als versierter Mann im Tabak- und Entwicklungsgeschäft zu erkennen gab, war in seinem Mitteilungsdrang nicht zu bremsen. Hongkong und Dubai fanden Erwähnung, auch Seattle, Toronto, Johannesburg und diverse Städte in Europa kamen vor. Rastlos unterwegs also, um Deals zu machen.

Da näherte sich sehr rasch ein Punkt, an dem die Zuhörer nicht mehr folgen konnten. Doch der ehedem in Mallorca ansässige Mann war nicht zu stoppen. Von vielen Millionen, die noch irgendwo lagern sollen, war die Rede. Wo und wie genau, mochte Wolfgang S. nicht mitteilen. Irgendwann gelang es der Kammervorsitzenden Rowitha Stöber, das eigentlich Wichtige anzusprechen: "Kannten Sie den Angeklagten?" Natürlich, ließ der 69-Jährige anklingen. "War er an Geschäften beteiligt?" Auch das wurde bejaht. "Hat er Geld bekommen?" Gelegentlich in Form von Provisionen.

Ein Großteil der mutmaßlichen Betrugsfälle, die jetzt zur Debatte stehen, hatte sich erst nach der Inhaftierung von Wolfgang S. ereignet. Wie das vonstatten ging, will dieser nicht gewusst haben. "Meine Frau hatte ihn wohl um Hilfe gebeten." Hinter Gittern sitzend, erfuhr der 69-Jährige nach seinen Angaben, dass offenbar Geschäfte abliefen, bei denen riesige Renditen winkten. Keineswegs in seinem Sinn, weil unseriös. "Traumsummen. Echt ein Wahnsinn!"

Auch den angeblich existierenden Geldtopf über 500 Millionen Euro will S. nicht gekannt haben. Ganz zu schweigen von einem gefälschten Scheck aus Spanien über 300 Millionen. Der 69-Jährige räumte ein, dass zu seiner geschäftsaktiven Zeit "über Jahre hinweg nichts an Geld gekommen ist". Gleichwohl aber seien irgendwo bis heute hohe Summen vorhanden, die ihm zustünden.

"Zwei Verbrecher"

Fazit, so weit man es auf einen Nenner bringen konnte: Als Wolfgang S. bereits in U-Haft saß, soll sein ehemaliger Freund, der Amberger Finanzmakler, die meisten der jetzt angeklagten Finanzverträge abgeschlossen haben. "Er hat sich mit zwei Verbrechern zusammengetan", hörte die Strafkammer. Einer war schon da beim Prozess in Amberg. Er firmierte gegenüber den Geldgebern als "einflussreicher Diplomat." Der andere wurde bisher nicht vernommen. Laut S. ein Herr, der "beim Bundesnachrichtendienst sein soll".

"Ich gebe Ihnen jetzt mal ein paar Tipps", hörte die Richterin kurz darauf von dem einst angeblich weltweit tätigen Geschäftsmann. "Nein, nein", brach sie den weiteren Redefluss ab und entgegnete schmunzelnd: "Wir leben mit dem kärglichen Gehalt, das wir hier haben."
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