Auf Deutsch sprachlos

Am Freitag freuten sich alle Kinder der Übergangsklasse an der Luitpoldschule über ihre Zeugnisse. Am oberen Ende der Treppe von links Konrektorin und Migrationsberaterin Maria Schuller sowie die beiden in der Klasse unterrichtenden Lehrerinnen Corinna Kellner und Kerstin Gleißner. Bild: Steinbacher

Übergangsklasse - klingt gut, nach planmäßiger und geordneter Hinführung zur Regelklasse. In der Praxis heißt es: 19 Kinder zwischen zehn und 15 Jahren, also aus den Jahrgangsstufen 5 bis 9. Sie kommen aus aller Herren Länder. Aber zunächst spricht keiner ein Wort Deutsch.

Ist da ein sinnvoller Unterricht überhaupt möglich? Corinna Kellner nickt, als sie die Frage hört, vermutlich nicht zum ersten Mal. "Einfach ist es nicht", sagt sie, "aber es geht." Die Lehrerin unterrichtet die Übergangsklasse an der Luitpoldschule. An deren Beispiel lassen sich die Probleme, aber auch die Lösungen dieses Konstrukts aufzeigen.

Problem 1

Kinder, die weder Deutschnoch Englisch sprechen

Lösung

Man holt einen Schüler aus einer anderen Klasse, der dem Neuankömmling zum Beispiel in Russisch oder Arabisch erklärt, was er fürs Erste wissen muss. "Ansonsten müssen wir halt viel mit Händen und Füßen und Bildern arbeiten", sagt Corinna Kellner. Über kleine Dialoge funktioniere dann der Spracherwerb ganz gut. "Es fasziniert mich immer wieder, wie schnell die Kinder das schaffen."

Problem 2

Das total unterschiedlicheLeistungsniveau

Lösung

Die Klasse in zwei bis drei Gruppen aufteilen. Das geht, weil eine Förderlehrerin für gewöhnlich fest in der Klasse ist. Zusätzlich bemüht sich die Schule um Betreuer der außerschulischen Hausaufgabenhilfe oder Lesepaten der Freiwilligenagentur, die stundenweise mit einspringen. Auch das "Helfersystem", das schon immer in Großklassen mit mehreren Jahrgängen angewandt wurde, kommt zum Einsatz: Die Kinder, die schon weiter sind, üben mit den anderen, die noch Defizite haben. Das kann auch ganz vorne beginnen: Als vor vier Jahren viele Syrer hier eintrafen, musste man den Kindern teilweise erst zeigen, wie man einen Stift oder eine Schere hält, erzählt Corinna Kellner.

"Die Lehrerin ist in einer solchen Klasse wirklich höchstbelastet", erklärt Konrektorin Maria Schuller, die auch Migrationsberaterin für den Bereich der Schulämter Amberg und Neumarkt ist. "Allein das Kontrollieren der Hausaufgaben ist schon ein Wahnsinn." Deshalb müssten es höchst qualifizierte Lehrer sein, meist mit einer Zusatzausbildung "Deutsch als Zweitsprache". Dann erkennt man etwa einfacher, dass der Schüler keine Artikel verwendet, weil es die in seiner Muttersprache gar nicht gibt.

Problem 3

Die Folgen der Flucht:traumatisierte Kinder,häufige Umzüge der Eltern

Lösung

Die Kinder erfahren Unterstützung durch die Jugendhilfe, durch Schulpsychologen oder durch Schulsozialarbeiter. "Aber davon bräuchten wir an der Schule noch mehr", sagt Maria Schuller. Wenn der Wohnort der Familien häufig wechselt, ist es für die Lehrer oft schwierig, den Kontakt mit ihnen zu halten. Dafür gibt es laut Corinna Kellner keine Probleme in der Zusammenarbeit mit den Eltern. Sie seien sehr dankbar, dass ihre Kinder die Schule besuchen dürfen, und zeigten großes Interesse, etwa auch bei Elternabenden. Für Maria Schuller ist deshalb die Willkommenskultur ein wichtiges Anliegen: "Die Kinder und die Eltern sollen spüren, dass sie willkommen sind an unserer Schule." Wie gut ihnen das tue, habe man etwa beim Schulfest gesehen, zu dem alle Essen aus ihrer Heimat mitbrachten und Rezepte austauschten: "Das ist eine Anerkennung für die Schüler, wenn man ihre Kultur schätzt."

Auch für die Lehrerin Corinna Kellner sind es die kleinen Erfolgserlebnisse, die ihr immer wieder neu Spaß am Unterricht schenken. Die Elfjährige etwa, die nach einem halben Jahr in der Übergangsklasse direkt aufs Gymnasium gehen konnte - "sie ist ein Sprachgenie", oder die junge Jesidin, die zum Schluss Schulbeste in der Regelklasse war. "Sie hat gelernt und gelernt und gelernt", erzählt Maria Schuller, "und jetzt hat sie eine tolle Stelle als Arzthelferin bekommen."

Corinna Kellner sagt es so: "Ob ein Schüler in der 9. Klasse den Satz des Pythagoras versteht, sieht kein Mensch, aber wenn er mit leuchtenden Augen von der Heimat erzählen kann, dann sieht man das - und das ist unheimlich schön."
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