Besser als die Bestenehrung

Sie reparierten lieber im Moreau-Tal in den Argonnen die Verschanzung eines alten Schützengrabens, als sich in Amberg für die beiden besten Abschlusszeugnisse der FOS/BOS ehren zu lassen: Tobias Danhauser (rechts) und Jonas Stauber (Zweiter von links). Links Roger Berdold, der Vorsitzende des Historischen Vereins, Zweiter von rechts: Alexander Titze.

Für einen Lehrer dürfte es das höchste der Gefühle sein: "Da müsste ich mich eigentlich bei Ihnen bedanken", sagt Fachschüler Stefan Hölzl. Seine Lehrer Daniel Hagn und Niels John überhören den Konjunktiv sowie die Einschränkung und schmunzeln.

Wofür sich Hölzl bei der Abschlussbesprechung über die Argonnen-Fahrt des Beruflichen Schulzentrums bedanken will? Für neue und überraschende Erkenntnisse. "Ich dachte, ich weiß viel über den Ersten und den Zweiten Weltkrieg", erklärt er. "Aber dort habe ich noch einmal eine Menge dazugelernt." Dort, das ist in den Argonnen, einem hügeligen und stark bewaldeten Landstrich in Nordost-Frankreich. Oder noch genauer: in einem ziemlich verfallenen deutschen Ruhelager im Moreau-Tal. Hierher kamen im Ersten Weltkrieg die Soldaten, wenn sie von der Front abgelöst wurden.

Französische Partner

Ein regionaler französischer Geschichtsverein hat es sich zur Aufgabe gemacht, das Lager zu restaurieren. Und seit 2010 bekommt er dabei jedes Jahr eine Woche lang Unterstützung von Schülern aus Amberg, die mit Förderung der Bayerischen Landeszentrale für politische Bildungsarbeit und des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge in die Argonnen reisen. Heuer waren es 15, die zusammen mit den beiden Lehrern einen Tunnelaufgang wiederherstellten, Baracken anstrichen, Verbindungswege anlegten, Mauern erneuerten oder die Verschanzung der Schützengräben ausbesserten.

Lieber im Moreau-Tal

Zwei von ihnen haben für das Argonnen-Abenteuer sogar auf eine besondere Ehrung verzichtet: Der Amberger Tobias Danhauser und Jonas Stauber (Hohenburg) waren mit einem Notenschnitt von 1,2 und 1,3 die besten Absolventen der Fach- und Berufsoberschule, arbeiteten aber lieber im Moreau-Tal, als sich bei der Abschlussfeier auszeichnen zu lassen. "Ich habe mich ja schon vor einem halben Jahr für das Argonnen-Projekt angemeldet", begründet Danhauser diese Entscheidung. "Und dann habe ich mir gedacht, wenn die Leute vom Verein jedes Wochenende dort ihre Freizeit opfern, dann kann ich zur Not auch auf eine Verabschiedungsfeier verzichten."

Der 20-Jährige hat das Zeugnis gleich nach der Rückkehr bekommen - und auch benötigt, weil die Bewerbungsfrist für das Jurastudium in Bayreuth, das er anstrebt, wenige Tage später ablief. Drei Aspekte waren es, die den jungen Mann in Frankreich tief beeindruckt haben: Zum einen das Gebeinehaus und der riesige Soldatenfriedhof bei Verdun. "Abertausende junge Leute im selben Alter mussten hier sterben", beschreibt er seine Empfindungen. "Lauter unnötige Opfer." Da könne man es gar nicht hoch genug einschätzen, dass die EU inzwischen eine 70-jährige Friedenszeit zuwege gebracht habe.

Auch die Einblicke in die Kriegsführung vor 100 Jahren wird der Abiturient nicht vergessen, vor allem die Dimension der von den Soldaten geschaffenen Anlagen. Etwa das 30 Kilometer lange Tunnelsystem, das unter einem einzigen Dorf angelegt wurde, weil man die Schützengräben der anderen Seite sprengen wollte. "Damit hatte ich nicht gerechnet."

Wo waren die Deutschen?

Und schließlich hat sich Tobias Danhauser eingeprägt, mit welch hoher Motivation die französischen Vereinsmitglieder an der Lager-Restaurierung arbeiteten. "Das hängt auch damit zusammen, dass der Erste Weltkrieg dort eine viel stärkere Bedeutung hat als bei uns." Die Franzosen fänden es deshalb schade, dass nur so wenige Deutsche an den Gedenkveranstaltungen zum Ausbruch des Krieges teilgenommen hätten.

Daneben gab es auch einen Menschen, der bei den Ambergern einen tiefen Eindruck hinterlassen hat: François Stupp - Franzose, Jude, Überlebender eines Konzentrationslagers, Algerienkämpfer und später General der französischen Armee. "Ein ganz positiver Mensch", sagt Helena Dechand über den 88-Jährigen. Immerhin sei er beinahe vergast worden. Sein lapidarer Kommentar dazu: "Sonst wäre ich jetzt Seife." Für Helena Dechand zeigt das, wie gut er sein Schicksal verarbeitet hat: "Er hegt keinen Groll."

Dass Stupp auf junge Leute sogar "cool" wirken kann, wenn er mit seiner Carhartt-Baseballmütze, einer Profi-Kamera und seiner lockeren Art auf Deutsche zugeht (natürlich in deren Muttersprache), bestätigt Katharina Kraus. Die Berufsoberschülerin hat Stupp für ihre Seminararbeit zum Thema Zivilcourage interviewt.

Sie kennt jetzt die Geschichte, wie er in einen Zug einsteigen sollte, der ihn aber nur in ein deutsches KZ gebracht hätte. Doch als ein österreichischer Soldat, der ihm sogar die Koffer trug, ihm riet "geh in den anderen Zug", kam der junge Franzose in seine Heimat und in Freiheit. Auch die war allerdings nicht einfach: Jahrelang versteckten ihn Bekannte im Zentralmassiv vor den Deutschen. "Er hat ständig in Angst gelebt", erzählt Katharina Kraus.

Pfarrer verrät ihn nicht

Während die Deutschen 30 Kilometer weiter viele Kinder wegbrachten, wurde Stupp auch vom katholischen Pfarrer des Ortes unterstützt, der vom jungen Juden wusste, ihn aber nicht verriet. Dass der 88-Jährige aus einem Schicksal Kraft schöpft, an dem andere zerbrochen wären, fasziniert Helena Dechand: "Er weiß, was wirklich wichtig ist im Leben."
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