Bewährung, denn: Betrüger bekommt "besondere Umstände" zugesprochen
Fast wie ein Sechser im Lotto

Schwere Entscheidung für das Amberger Landgericht: Den rückfälligen Täter einsperren oder an dessen Ehefrau und zwei kleine Kinder denken? - lautete die Frage. Im Urteil wurde verfügt, dass der Mann nicht ins Gefängnis muss.

Er stand bereits mit einem Bein in der Justizvollzugsanstalt. Denn der 38-Jährige aus dem südöstlichen Kreis Schwandorf brachte neun Vorstrafen mit. Diebstahl, Betrug, Fahren ohne Führerschein: Mehrfach saß er hinter Gittern, wiederholt hatten ihm Gerichte auch Bewährungschancen eingeräumt. Und dann wurde der Mann abermals rückfällig.

Der Rettungsanker

Kaum zu glauben, was die Richterin Roswitha Stöber aus einem Ersturteil verlas: Im Internet versteigerte der 38-Jährige eine 62 Pfund wiegende Musikanlage, kassierte 66 Euro dafür und brachte das schwere Ding nicht zur Post. Der in Berlin wohnende Käufer ging zur Polizei, brachte Ermittlungen in Gang und sorgte so dafür, dass dem Oberpfälzer eine Betrugsanklage zugeschickt wurde. Danach geschah Zweierlei: Die Musikanlage wurde zwar verschickt, doch das Schwandorfer Amtsgericht ging von einem absichtlichen Täuschungsmanöver aus und verhängte drei Monate Haft.

Der Verurteilte ging in Berufung, beschränkte seinen Einspruch auf die gegen ihn ausgesprochene Strafe und räumte den Internetbetrug sofort ein. Anschließend klagte er der unter Vorsitz von Richterin Roswitha Stöber tagenden Ersten Strafkammer sein Leid und schilderte: "Wenn Sie mich einsperren, verliere ich meinen Job." In einen solch saueren Apfel müssen andere mitunter auch beißen. Aber: "Ich habe geheiratet. Wenn ich nun ins Gefängnis muss, steht meine Frau mit ihren beiden kleinen Kindern auf der Straße." Ohne ihn, fuhr der 38-Jährige fort, könne die Miete nicht mehr bezahlt und der Lebensunterhalt unmöglich finanziert werden.

Eine Situation also, die für die Strafkammer ein lange dauerndes Ringen um eine Entscheidung bedeutete. Auf ihren Weg ins Beratungszimmer nahmen die Richter den Antrag von Staatsanwältin Franziska Bücherl mit. Gnade vor Recht wollte sie nicht ergehen lassen. "Er hatte schon fünf Bewährungsstrafen", rief die Anklagevertreterin ins Gedächtnis und ergänzte, selbst Gefängnisaufenthalte hätten den Mann nicht zum Nachdenken gebracht. Von daher: "Er muss die drei Monate absitzen."

Die letzte Chance

Als die Kammer ihr Urteil verkündete, atmete der Angeklagte hörbar auf. "Sie kriegen die drei Monate auf Bewährung", sagte die Vorsitzende und führte "besondere Umstände" ins Feld. Gemeint damit waren primär die Ehefrau und zwei Kinder, deren Fortkommen mit einer Inhaftierung des Ernährers gefährdet würden.

Der 38-Jährige muss als Auflage 500 Euro an einen Amberger Kindergarten zahlen, ihm wurde ein Bewährungshelfer für vier Jahre zur Seite gestellt. "Das", ließ die Vorsitzende mit Blick auf den Angeklagten erkennen, "ist fast wie ein Lotto-Sechser für Sie." Allerdings führe der nächste Rechtsbruch unweigerlich ins Gefängnis.
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