Billig teuer erkauft

Nachhaltigkeit gibt es auch beim Modedesign, propagiert Rolf Hei-mann. Bloße Trends sind zu kurzlebig, um bei dem Textilökologen auf Wohlgefallen zu stoßen. Das sei jedoch nur ein Aspekt der komplexen Materie von Fairtrade-Bekleidung. Aber: "Es tut sich was." Bild: Steinbacher

T-Shirts für wenige Euros sind zum Symbol einer Ressourcen verschwendenden und ausbeuterischen Textilbranche geworden. Die Meisten wissen das und machen munter mit. Wieso eigentlich?

Jetzt, während der umsatzstarken, vorweihnachtlichen Adventswochen, wo die Einkaufstüten der großen, weltweit präsenten Bekleidungs-Filialisten das Bild der Fußgängerzonen bestimmen, dränge sich diese Frage unweigerlich auf. Mit diesem Gedanken eröffnete die Vizepräsidentin der Ostbayerischen Technischen Hochschule (OTH), Prof. Christiane Hellbach, am Mittwoch das 15. Ethik-Forum.

"Dein T-Shirt aus Bangladesch - (un-)faire Textilindustrie?" war der Abend überschrieben und das Siemens-Innovatorium voll. Die OTH hatte also treffsicher den thematischen Finger in eine Wunde gelegt, die wenig später mehrfach als ein großes Paradoxon des deutschen Konsumentenalltags beschrieben wurde. So hat die GfK (Gesellschaft für Konsumforschung) herausgefunden, dass 80 Prozent der Bevölkerung das ausbeuterische Gebaren der Textilbranche verurteilen, aber nahezu jeder das billigend in Kauf nimmt. Gerade einmal ein Prozent der weltweit gehandelten Bekleidung kann nach gängigem Verständnis das Gütesiegel der Nachhaltigkeit beanspruchen.

Der Kunde entscheidet

Deshalb möchte der Schauspieler, Autor, TV-Reporter und bekennende Umweltaktivist Hannes Jaenicke den Textilkonzernen "die schärfste Waffe der Welt" entgegenhalten: den Geldbeutel. Nur, wenn sich der Kunde, der Konsument, von offenkundig soziale und natürliche Ressourcen aufzehrenden Produkten abwende, würden diese Fehlentwicklungen des Güterbedarfs auch vom Markt verschwinden, ist er überzeugt. Das gelte aber nicht nur für die Bekleidungsindustrie, die Jaenicke als "eine einzige Tragödie" beschrieb.

Karten auf den Tisch

Sein Blick richtete sich dabei beispielsweise nach Bangladesch, wo in Billigstnähereien schon Tausende Menschen bei Einstürzen oder Bränden ums Leben gekommen sind und die großen Textiler als Auftraggeber jegliche Verantwortung von sich weisen würden. Jaenicke sieht einen Anknüpfungspunkt, dem etwas entgegenzusetzen, in der Offenlegung "der kompletten Wertschöpfungskette". Uneingeschränkte Zustimmung erhält er in diesem Punkt von Rolf Heimann. Der langjährige Geschäftsführer des Pioniers im Bio-Mode-Geschäft, Hessnatur, ist heute Vorstand der gleichnamigen Stiftung.

Sie setzt sich für eine Fairtrade- Textilindustrie ein. Heimann formulierte vor diesem Hintergrund fünf unverzichtbare "Säulen von Nachhaltigkeit": vertretbare Ökologie (Gefahren für den Menschen und die Umwelt), angemessene Arbeitsbedingungen (Entlohnung, Sozialstandards), fairer Handel (Wertschöpfungskette), nachhaltige Produktion (schonende Techniken, Wiederverwertbarkeit) und ein angepasstes Konsumverhalten (Abkehr vom Wegwerfverhalten).

Das seien alles keine weltbewegenden neuen Erkenntnisse, räumte Heimann ein, sie müssten nur an verantwortlicher Stelle beherzigt werden. Und die sei nirgendwo anders anzusiedeln, als in den Konzernspitzen der Branche. Bewegen würden die sich jedoch erst, wenn sich der Kunde von ihnen abwende. Deshalb ist für Heimann die Bewusstseinsbildung bei allen an diesen Prozessen Beteiligten der eigentliche Ansatzpunkt, nachhaltige Bekleidung und Mode aus der Ein-Prozent-Nische herauszuführen.
Weitere Beiträge zu den Themen: Dezember 2015 (2649)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.