"Bis jetzt alles richtig gemacht"

Als Facharzt für Allgemeinmedizin half Dr. Hani Al-Kabbani 30 Jahre lang kranken Ambergern. Wie sich Deutschland jetzt gegenüber den Flüchtlingen verhält, findet der gebürtige Syrer hervorragend. Bild: roa
Lokales
Amberg in der Oberpfalz
18.09.2015
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Hani Al-Kabbani ist gebürtiger Syrer, kam vor 51 Jahren nach Deutschland, holte hier sein Abitur nach. Note: 1,6. Er wollte eigentlich Maschinenbau studieren. Daraus wurde Medizin. Es folgten eine Hochzeit, eine eigene Praxis in Amberg, zwei Kinder, ein Haus in Ammerthal und viele Gedanken über Religion und Philosophie.

Dr. Hani Al-Kabbani (71) ist heute für viele Flüchtlinge in Amberg und Umgebung vielleicht das wichtigste, weil oft das einzige Sprachrohr zur Verständigung - ein Interview über seine alte Heimat, die er mit 20 verließ, und die Perspektive, die sich für Flüchtlinge in Deutschland bietet.

Haben Sie noch Verwandte in Syrien?

Ja sicher. Verstreut, aber einige sind noch da. Mein jüngster Bruder lebt dort. Wir haben ihm angeboten zu kommen. Er wollte nicht flüchten. Er bleibt dort, auch wenn es ihn das Leben kostet.

Wie können Sie Kontakt halten?

Wir haben nur Kontakt über das Internet. Er hat es eigentlich seiner Tochter erlaubt alleine zu ziehen, wenn sie möchte, denn als junger Mensch hat man andere Perspektiven für die Zukunft. Wir haben versucht, die Möglichkeiten einer legalen Einreise zu eruieren. Es gab leider keine.

Können Sie ihrer Nichte helfen?

Das ist das Problem. Wer ankommt, wird zwar sehr gut behandelt. Ich bin erstaunt über die Bundesrepublik und die Bereitschaft der Bevölkerung, den Asylanten oder Flüchtlingen zu helfen. Aber ich bemängle das Fehlen einer legalen Möglichkeit. Meine Nichte kommt nicht. Die Deutsche Botschaft in Damaskus ist geschlossen.

Wie beurteilen Sie die Situation in Syrien?

Das ist ein Stellvertreterkrieg. Alle internationalen Mächte und Großmächte haben ihre Finger drin. Das verkompliziert die Möglichkeit einer baldigen Lösung des Konflikts. Was das Volk betrifft, ist es so: Wo Unfreiheit, Ungerechtigkeit Unterdrückung und Gewalt herrschen, gibt es Revolution und Radikalisierung. Das war leider in Syrien der Fall. Das Volk selbst konnte die Situation nicht mehr ertragen.

Zeigte der Westen denn zu spät Interesse?

Ja, der Westen hat sehr wenig Interesse an der Misere gezeigt. Den Äußerungen folgten keine Taten. Die Syrer dachten, als die Revolution in Tunesien, der Arabische Frühling, anfing: Warum nicht auch bei uns? Als die Sache eskalierte, pochte die Regierung leider auf die militärische Lösung. Heute weigert sich Assad immer noch, zurückzutreten. Er wird unterstützt von Iran, Russland und China. Diese verfolgen ihre eigenen Interessen.

Was müsste der Westen Ihrer Meinung nach tun?

Sanktionen und Luftschläge bringen gar nichts. In Syrien gab es vor dieser Revolution, die übrigens friedlich begann, keinen Platz für Al-Kaida oder andere radikale Gruppen, die Leute schlachten. Nachdem das Macht-Vakuum entstanden war, konnten diese Terror-Organisationen Fuß fassen. Sie kamen aus dem Irak. Dort wurde nach dem amerikanischen Einmarsch die Armee aufgelöst. Tausende Soldaten und Offiziere saßen zu Hause und bekamen kein Gehalt mehr. Diese militärisch fähigen Leute, darunter viele Sunniten, liefen über zu ISIS. Es wurde die Macht auf die Wirtschaftszentren ausgedehnt, Öl-Raffinerien besetzt und das Öl billiger an korrupte Staaten im Nahen Osten verkauft. ISIS ist mittlerweile die reichste Terror-Organisation der Welt. Daneben gewinnt sie unzufriedene Leute, die sich von der Mitsprache ausgeschlossen fühlten, hat professionelle Internetseiten und kann sogar radikale Personen aus dem Westen holen. Sie hat die Grenzen im Nahen Osten zum Teil aufgehoben.

Wie groß ist die Angst vor der Terror-Organisation bei den Bürgern?

Teile der Bevölkerung haben keine Beschützer, außer ISIS. Deshalb ist ihre Basis nicht zu verachten. Die Syrer sind nicht terroristisch oder radikal gewesen. Aber sie haben gemerkt, dass es keine andere Möglichkeit gibt: Entweder sie werden bombardiert, oder aber sie unterstützen Glaubensbrüder. Auch wenn sie sie nicht mögen. Vieles entspricht nicht ihrer Art.

Wie meinen Sie das?

Ein Beispiel: ISIS verlangt, dass eine Frau auf der Straße in Begleitung eines männlichen Familienmitglieds sein muss, sonst wird sie bestraft. Die Strafe ist radikal. Sie wird vielleicht von einem hohen Gebäude gestürzt. Die Leute mögen diese Art nicht, aber das ist für sie trotzdem sicherer, als bombardiert zu werden und in den Häusern zu sterben. Neben der ISIS sind noch viele Gruppierungen tätig, die den anderen Staaten als Marionetten dienen. Die anderen Mächte sind Katar, Saudi-Arabien, Türkei, Iran, Hisbollah, Israel und freilich, Russland und China. In diesem Stellvertreterkrieg sind so viele Interessengemeinschaften beteiligt, dass man nicht mit einer schnellen Lösung rechnen kann.

Trotzdem sollte sich der Westen einmischen?

Wenn der Westen Interessen hat und sie nicht verfolgt, ist das seine Sache. Es muss mehr Engagement für eine politische Lösung gezeigt werden, die Wirkung hat. Nicht nur ein "Schaumermal". Bis jetzt ist die Politik des Westens sehr ineffizient gewesen. Die Welle von Flüchtlingen zwingt aber zum um denken. Diese Leute kommen nicht freiwillig her. Eine Viertel- bis eine Drittel-Million Menschen sind bisher gestorben. Die Suche nach der Sicherheit treibt die Menschen über andere Gefahrensituationen, über das Meer und über die Grenzen verschiedener Staaten, die ihnen auch nicht wohlgesonnen sind. Das Problem ist alleine hier nicht zu bewältigen, ohne dass der Grund der Emigration behoben wird. Als Arzt weiß ich, dass man nicht die Symptome behandelt, sondern die Ursache. So lange das nicht geschieht, werden die Symptome weiter eskalieren.

Wie würden Sie Syrer beschreiben?

Ich kann nur einen Satz von dem früheren Direktor des Louvre wiederholen: Jeder Mensch auf der Welt hat zwei Nationalitäten. Die eigene und die syrische. Syrien ist die Wiege der Kultur. Ihre Beziehung zu Griechenland hat den Griechen die Rolle gegeben, die Wiege der Kultur in Europa zu sein. Aber die Kultur war niemals Besitz eines einzigen Volkes, sondern wanderte von einem Ort zum anderen. Viele Kulturen sind in diesen Regionen entstanden, sei es die Bildung von menschlichen Gesellschaftsformen, Sprachen, Schrift, Alphabet, alle Religionen. Das was in Syrien an Zerstörung passiert, ist sehr gravierend für die Erhaltung.

Verstehen Sie die Angst vor der Zuwanderung?

Das verstehe ich schon. Es ist die Angst vor dem Unbekannten.

Haben Sie Erfahrung mit Fremdenfeindlichkeit?

In Deutschland erlebe ich davon keine Spur. Freilich gibt es Organisationen, die gegen die Aufnahme von Flüchtlingen sind, aber sie haben bisher Gottseidank keine große Rolle gespielt. Man merkt das an der offiziellen Haltung.

Wie ist die Situation speziell in ihrem Wohnort in Ammerthal?

Wie in ganz Deutschland: Hier herrscht Hilfsbereitschaft. Viele meldeten sich freiwillig und boten ihre Hilfe an: Viele Leute opferten bislang gern ihre Freizeit und darüber bin ich sehr froh. In anderen Gemeinden ist das übrigens genauso: In Freudenberg ist beispielsweise die Arztfamilie Albrecht stark engagiert. In Sulzbach-Rosenberg durfte ich schon übersetzen, ebenso für die Organisation "Amberg hilft Menschen" mit Familie Konheiser. Wir fanden Lösungen für Familien, die in Not waren, begleiteten Asylsuchende zu Ämtern oder Ärzten. Die Hilfsbereitschaft muss gelobt werden. Radikale Tendenzen, Fremde abzulehnen, sind sehr begrenzt.

Wie froh sind die Flüchtlinge, wenn Sie sich mit ihnen in ihrer Sprache unterhalten?

Es gibt einige, die englisch sprechen. Das ist leider nicht die Mehrheit. Aber die Leute sind überhaupt froh, wenn sie aufgenommen werden. Freilich, wenn man ihnen ermöglicht, sich dazu sprachlich zu artikulieren, sind sie sehr dankbar.

Welche Zukunftsperspektiven räumen Sie den Flüchtlingen hier ein?

Die Bundesrepublik wird es nicht bereuen, diese Leute aufgenommen zu haben. Die Syrer gelten im arabischen Raum als die Gebildeten, Tüchtigen und Zuverlässigen.

Das hört sich an, als würden Syrer und Deutschen gut zusammenpassen.

Ja, Deutsche sind ein Vorbild für Syrer. Deutsche Produkte waren schon immer begehrt, vor allem: German Engineering. Syrer sind ebenfalls in der Lage, technisch etwas auf die Beine zu stellen, was in anderen arabischen Ländern nicht immer in dieser Form so möglich war.

Sie leben seit 1964 in Deutschland. Warum kamen Sie hierher?

Ich wollte eigentlich mit einem Freund nach Schweden ausreisen. Wir hatten Pässe beantragt und auch bekommen. Da lernte mein bester Freund eine Industriellen-Tochter kennen, heiratete sie und blieb in Damaskus. Allein wollte ich nicht nach Schweden. Ein Freund von mir studierte an der Musikhochschule in München und lud mich nach Deutschland ein.

Wie wurden Sie hier aufgenommen?

Zunächst musste ich mein Abitur nachholen. Der Direktor der Erlanger Schule veränderte mein ganzes Leben. Ursprünglich war ich an der Technischen Universität für Maschinenbau, Luft- und Raumfahrttechnik eingeschrieben. Er sagte zu mir: Ich sehe, ihre Eltern sind nicht da, um Sie zu beraten, darf ich das tun? Er sagte, ich sollte einen Beruf ergreifen, der mit Menschen zu tun hat, nicht mit Maschinen. Er empfahl mir Medizin. Ich sagte, dass ich mir das nicht leisten könne. Er meinte, wenn ich so weitermachen würde wie bisher, bekomme ich ein Stipendium. So war es auch.

Fühlten Sie sich durch Ihre Herkunft benachteiligt?

Ich hätte nie gedacht, dass ein deutscher Pass einen Unterschied machen würde. Ich habe meinen syrischen Pass behalten, so lange ich konnte, weil ich dachte, dass ich irgendwann wieder zurückgehe, um meinem Land zu helfen. Aber für meine Karriere war es entscheidend. Es brachte mir Einschränkung in der Gestaltung meiner Berufsauswahl.

Was können die Menschen hier für die Flüchtlinge tun, außer Kleidung zu spenden?

Kontakt halten. Ein wenig habe ich Bedenken, dass in späterer Zukunft auf beiden Seiten Ermüdung da sein wird.

Alleine Kontakt halten?

Und natürlich die Möglichkeit bieten, sich zu integrieren, für alle, die das eben möchten. Bis jetzt wurde alles richtig gemacht. Diese Hilfsbereitschaft in menschlicher Form ist hervorragend.
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