Da geht's nicht nur ums Sterben

Der Palliativmediziner Dr. Jochen Pfirstinger (links) und Tobias Reif, der Leiter der Palliativstation am Amberger Klinikum, erläuterten beim Ratgeber Gesundheit, was bei ihnen für Patienten getan werden kann. Bild: hfz

Viele Menschen hören "palliativ" und denken gleich: Da geht's ums Sterben. Warum man damit schief liegt, erklärte der Palliativmediziner Dr. Jochen Pfirstinger beim Ratgeber Gesundheit am Klinikum St. Marien.

Die Palliativmedizin hilft Menschen, die an einer weit fortgeschrittenen lebensbedrohlichen Erkrankung leiden. Eine wichtige Aufgabe ist es zum Beispiel, Schmerzen von Menschen mit unheilbaren Erkrankungen zu lindern. "Das allein ist aber nur ein kleiner Teil dessen, worum es bei der Palliativversorgung geht", sagte Pfirstinger laut Pressemitteilung des Klinikums.

Unterschied zu Hospiz

Auch neuropsychiatrische Symptome wie Depression, Verwirrtheit oder Angst müssten behandelt werden, so der Mediziner. Und man muss internistische Probleme in den Griff bekommen. "Denn manche unserer Patienten leiden etwa an Mundtrockenheit, Erbrechen oder Luftnot. Das ist für sie oft wesentlich schlimmer als die Schmerzen." Wie palliativmedizinische Versorgung aussehen kann, zeigte Pfirstinger an Beispielen. "Ein Patient, der aufgrund wechselnder belastender Beschwerden dauernd ärztlich versorgt werden muss, ist auf einer Palliativstation am besten aufgehoben", so der Experte. "Ein Hospiz wäre der falsche Ort, weil dort primär die Palliativpflege im Vordergrund steht und ein Arzt nur auf Zuruf mit einbezogen wird."

Für viele Menschen sei der Begriff "palliativ" gleichbedeutend mit "sterben". "Auf unserer Station wird natürlich auch gestorben, aber im Jahr 2013 konnten wir beispielsweise fast die Hälfte unserer Patienten wieder nach Hause entlassen - mit verbesserten Beschwerden." Die Linderung der Leiden und eine ganzheitliche Betreuung spielten auf der Palliativstation eine sehr große Rolle. "Deshalb haben wir auch mehr Personal als auf Normalstation", erklärte Tobias Reif, der Leiter der Palliativstation am Amberger Klinikum. "Dadurch haben wir mehr Zeit, die wir den Patienten widmen können. Wenn ein Patient eine halbe Stunde oder Stunde reden möchte, dann setzen wir uns hin und hören zu."

Reden sei ein wichtiger Faktor: Was wünscht sich der Patient? Was will er nicht? Welche medizinischen Möglichkeiten hat er? "Kommunikation ist extrem wichtig. Jede Entscheidung, die wir treffen, hängt davon ab, wie weit die Erkrankung bereits fortgeschritten ist und was der Patient selbst möchte", sagte Pfirstinger. "Das ist immer sehr individuell."

Eine Möglichkeit der ambulanten Versorgung von Palliativpatienten ist die Spezialisierte Ambulante Palliativversorgung (SAPV). Hier betreuen spezialisierte Pflegekräfte und Ärzte die Patienten zu Hause, im Notfall auch rund um die Uhr. "Vor allem für die Angehörigen ist diese Art der Betreuung oft eine große Hilfe", weiß Pfirstinger. "Das SAPV-Team ist rund um die Uhr telefonisch erreichbar und kann Hilfestellung und damit Sicherheit geben. Denn die größte Angst der Angehörigen ist es meist, etwas falsch machen zu können."

Lücke im Landkreis

Leider sei diese Brücke zwischen stationärer und ambulanter Versorgung vor allem in ländlichen Orten in Bayern noch eine Baustelle. "Wir sind dran, diese Lücke für die Landkreise Amberg-Sulzbach und Neumarkt zu schließen, und hoffen, dass wir die Versorgung hier im kommenden Jahr verbessern können."

Bei der Betreuung von schwerstkranken Patienten und deren Angehörigen arbeitet das Klinikum St. Marien eng mit dem Hospizverein Amberg zusammen. "Die Mitarbeiter des Hospizvereins übernehmen nicht die Pflege oder medizinische Versorgung der Patienten, sondern es geht darum, die Menschen in ihrer Situation zu begleiten und zu beraten." Allen Betroffenen gab Pfirstinger am Ende des Vortrags mit auf den Weg: "Auch wenn bestimmte Diagnosen für die Patienten eigentlich heißen, dass die Ärzte keine Heilung mehr erreichen können, so sollten Sie nicht vergessen, dass dennoch eine ganze Menge getan werden kann."
Weitere Beiträge zu den Themen: Juli 2015 (8666)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.