Da wird nicht nur geschmachtet

Wer die kunstgeschichtliche Romantik mit romantischen Gefühlslagen gleichsetzt, erliegt einem Trugschluss. Die Literaten dieser Epoche, das sagt Prof. Dr. Christine Lubkoll, hatten nämlich etwas ganz anderes im Sinn.

Amberg. (zm) Diese nicht gerade gängige Position konnte die renommierte Literaturwissenschaftlerin an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) krankheitsbedingt jedoch nicht selbst vertreten. Deshalb sprang Lubkolls wissenschaftliche Mitarbeiterin Agnes Bidmon ein. "Nehmen Sie mich einfach als Erzählstimme", schlug die Doktorandin am Dienstag vor und hielt den bereits ausgearbeiteten Vortrag ",Unendliche Sehnsucht' der Romantik" als Beitrag der 36. Erlanger Universitätstage.

Gefühlswelten sekundär

Einer zu Literatur gewordenen überschwänglichen "Gefühlsduseligkeit" als Charakteristikum der Romantik erteilt Lubkoll eine klare und nachhaltige Absage. Damit mag sie so manches bibliophile Herz treffen. Schließlich prägen so klingende Namen wie Novalis, Clemens Brentano, Jean Paul, E.T.A. Hoffmann, Achim von Armin oder Joseph von Eichendorff diese Epoche. Doch auch in der Literaturwissenschaft hat die Erlanger Professorin nicht unbedingt einen leichten Stand. Ihr Ansatz ist die Komparatistik, das sind die Methoden der vergleichenden Literaturwissenschaft.

Damit betrachtet Lubkoll Literatur weniger aus sich heraus. Viel mehr Bedeutung schreibt sie kulturellen Prozessen in ihrer übergreifenden Gesamtheit zu. Im konkreten Fall wird die Romantik als Geisteshaltung verstanden, die als Reaktion auf die Klassik deren in sich geschlossenen Vollkommenheits-Anspruch sprengt. Vollkommenheit ist ein statisches Verharren und damit endlich, die Romantik schreitet weiter. Damit werden Grenzen fließend, allem Denkbaren kann ein weiterer Gedanke hinzugefügt werden, das Tor zur Unendlichkeit ist aufgestoßen.

Weg vom Stillstand

Die Philosophie der damaligen Zeit ist schon so weit, die Literatur macht sich diese Vorstellungswelten zu eigen, Malerei und Musik folgen. "Die Romantik ist ein einziges Bemühen, sich an das Unendliche anzunähern", beschreibt Lubkoll den Umstand, Abschied vom Stillstand eines Vollkommenheitsideals genommen zu haben. Gut ablesbar sei dieser Prozess an dem Schlüsselwerk von Caspar David Friedrich (1774 bis 1840) mit dem Titel "Der Mönch am Meer" (1808/10). Alle Konturen sind fließend, Sandstrand, Meer, Horizont, Wolkenhimmel und die Figur des Mönches nähern sich auch farblich zu einer einzigen Düsternis an.

Grenzen verschwimmen

Ebenso löst die Literatur klare formale Grenzlinien auf. Sie erscheinen verzichtbar, weil der Vollkommenheitsanspruch in der bisherigen Form nicht mehr besteht. Die Poesie wird unter Einbeziehung naturwissenschaftlicher Denkansätze zu einer Art Universaltheorie. Friedrich Schlegel (1772 bis 1829) spricht von "Erdichtung", die zu einem nicht unerheblichen Maß Außenwelt konstituiere. Ausgangspunkt ist die individuelle Wahrnehmung des Autors. Er setzt quasi puzzlehaft Elemente zu Neuem zusammen und kann diesen Prozess nach eigenem Gusto in Richtung Unendlichkeit variieren.

An diesem Punkt brachte Lubkoll die 5. Sinfonie in c-Moll op. 67 (Fertigstellung 1807) von Ludwig van Beethoven (1770 bis 1827) in ihren Vortrag ein. Sie ist wohl nicht nur sein berühmtestes Werk, sondern zählt zu den populärsten Kompositionen klassischer Musik überhaupt. Auch die Romantiker haben sich intensiv mit diesem Werk auseinandergesetzt. Gerne wird es als ein vertontes Schicksalsdrama beschrieben. Diese Deutung zielt aber wohl eher auf die klanglichen Dimensionen ab, E.T.A. Hoffmann (1776 bis 1822) hörte Beethovens Fünfte laut Lubkoll nie. Er rezensierte sie anhand der Partitur und kommt ins Schwelgen, welch Variationsreichtum aus einem kompositorisch recht einfachen Grundmotiv entstehen könne.

Das Unvollendete

Hoffmann greift in diesem Zusammenhang nicht nur einmal eine Vorstellung von Unendlichkeit als höchstmögliches Lob auf, aber eher im Sinne der Idee von einem Ideal. Denn erreichbar ist es für die Romantiker ja sowieso nicht, weil sie der Vollkommenheit als Stillstand eine Absage erteilt haben. Das schlägt sich auch in ihren literarischen Werken nieder. Das Fragment kommt in Mode, das zur Kunstform erhobene unvollendete Werk. Denn Unvollendetes ist unendlich.
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