"Das hat doch jeder in Amberg gewusst"

Wenn die Projektarbeit von Laura Hanel zum Nationalsozialismus in Amberg veröffentlicht ist, hat Stadtarchivar Dr. Johannes Laschinger endlich etwas in Händen, das eine sichere Basis für die weitere Forschung zu diesem schwierigen Thema abgibt. Bild: Steinbacher

Die Jahrestage sind erst einmal vorüber, aber das Thema Nationalsozialismus wird so schnell nicht aus den Köpfen gehen. Schon gar nicht in Amberg, wo die Studentin Laura Hanel die NS-Vergangenheit in einem von der Stadt finanzierten Projekt untersucht hat. Ein paar Ergebnisse sind schon bekannt.

Die AZ sprach darüber mit Dr. Johannes Laschinger, dem Leiter des Amberger Stadtarchivs.

Herr Dr. Laschinger, ist das Forschungsprojekt von Laura Hanel denn schon abgeschlossen?

Laschinger: Ja und nein. Ja, weil sie ihre Arbeit im März an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg als Masterarbeit eingereicht hat. Nein, weil sie daran weiterarbeitet - das Projekt läuft noch bis Ende des Jahres - und eine deutlich erweiterte Fassung erstellt. Der Hauptausschuss muss im kommenden Herbst entscheiden, ob die Stadt Amberg das Projekt fortsetzen will, und ob Frau Hanel einen weiteren Forschungsauftrag bekommt.

Aus welchem Grund hat man das Projekt ursprünglich in Auftrag gegeben?

Laschinger: Oberbürgermeister Wolfgang Dandorfer wollte diesen Teil der Stadtgeschichte schon immer aufarbeiten lassen. Es war aber klar, dass das Stadtarchiv das neben der Alltagsarbeit nicht leisten kann. Deshalb haben wir ein Forschungsprojekt angestoßen, mit einer Ausschreibung an mehrere Universitäten. Mit Professor Dr. Helmut Flachenecker von der Uni Würzburg sind wir uns dann einig geworden.

Was war die genaue Zielrichtung?

Laschinger: Wir haben das Projekt "Erforschung der Geschichte Ambergs in der Zeit des Nationalsozialismus" genannt. Zusammen mit Professor Flachenecker, dem Betreuer von Frau Hanel, haben wir überlegt, wie man das Thema eingrenzen kann, denn diese Weite ist für eine Masterarbeit nicht praktikabel. Herausgekommen ist dabei die Festlegung: "Entwicklung der NSDAP in Amberg von 1922 bis 1933/34".

Kann man schon sagen, ob die Forschungsarbeit konkrete neue Erkenntnisse zum Nationalsozialismus in Amberg gebracht hat? Oder ging es mehr darum, das bekannte Wissen zusammenzufassen?

Laschinger: Beides. Aufgrund des enormen Umfangs der Thematik und ihrer Vielschichtigkeit war es aus meiner Sicht als Erstes nötig, eine Basis zu schaffen, auf der weiter aufgebaut werden kann. Diese Basis ist mit der Arbeit von Frau Hanel, vor allem mit der erweiterten Form, wirklich gelegt. Gleichzeitig gab es aber auch viele Dinge, die für uns neu waren, einfach, weil bisher niemand so umfassend in den verschiedenen Archiven recherchieren konnte.

Was war denn neu?

Laschinger: Vieles, was wir über die Position der NSDAP innerhalb der anderen völkischen Gruppierungen in Amberg erfahren haben. Außerdem haben wir jetzt ein klareres Profil der Akteure, vor allem vom späteren OB Josef Filbig. Und es ist ganz deutlich herausgekommen, wie die NSDAP bei der Machtergreifung in Amberg die anderen Gruppierungen im Stadtrat ausgeschaltet hat.

Wo wären denn noch Ansätze für weitere Forschungen, die zum besseren Verständnis des Nationalsozialismus in der Region einfach mal angepackt werden müssten? Also quasi die Fragen, für deren Beantwortung der Hauptausschuss neues Geld in die Hand nehmen könnte.

Laschinger: Da fällt mir der Umgang mit den jüdischen Mitbürgern ein. Wie hat die Bevölkerung auf die drastischen Maßnahmen gegen Juden reagiert? Was sagt der normale Amberger am Morgen des 10. November 1938? Das hat doch jeder in Amberg gewusst, dass in der Nacht die Synagoge geschändet und geplündert wurde. Es ist nicht vorstellbar, dass in Amberg jemand gelebt hat, der das nicht mitbekommen hat. Haben die Leute gesagt: Das war doch eine Riesenschweinerei, was heute Nacht passiert ist? Aber das ist halt quellenmäßig oft schlecht fassbar.

Und aus anderen Gebieten?

Laschinger: Die Zeit unmittelbar vor dem Krieg wäre interessant, aber auch die Kriegszeit selbst: Wie entwickelt sich die Haltung der Bevölkerung zum Regime im Krieg? Oder die Frage, wie die Nazis sich in die gesellschaftlichen Strukturen eingepasst haben. Dann sind wir ja ein katholisch geprägtes Gebiet. Da wird oft behauptet, die Bevölkerung sei für den Nationalsozialismus nicht so anfällig gewesen. Das könnte man für unseren kleinen, überschaubaren Bereich klären: Wie verhalten sich hier die katholische Bevölkerung und die Amtsträger zum Nationalsozialismus. Machen die mit? Unbedingt notwendig wäre auch der Vergleich mit anderen Städten, aber das ist eine harte Nuss.

Rund um den Jahrestag des Kriegsendes wurde ja wieder die Frage aufgeworfen, wer Kreisleiter Kolb erschossen hat. Kann man das im Abstand von 70 Jahren überhaupt noch zweifelsfrei feststellen?

Laschinger: Nein, weil sich die Überlieferungen widersprechen. Da gibt es an neuen Quellen unter anderem Aussagen des amerikanischen Bataillons-Kommandeurs, der mit der Besetzung Ambergs betraut war, aber auch von einer kleinen Widerstandsgruppe, die erst in den letzten Jahren auf sich aufmerksam gemacht hat. Inzwischen wird auch in der Öffentlichkeit die These diskutiert, dass Kolb von Julian Keppner erschossen wurde. Interessant ist auf jeden Fall, dass der Hirschauer Arzt, der bei Kolb die Leichenschau durchführte, später von amerikanischem Verbandsmaterial an dessen Körper berichtete. Und auch von einem Kopfschuss aus nächster Nähe.

Ist es wichtig, genau zu wissen, wer geschossen hat?

Laschinger: Es ist eigentlich unerheblich. Entscheidend ist: Kolb war nicht mehr da, und deshalb kam es nicht mehr zu einer Verteidigung von Amberg. Wer wissen will, was das bedeutet, soll sich mal Neumarkt anschauen ... eine halbe Stunde Artilleriebeschuss, und von der Stadt war nichts mehr da.

Wo gibt es in Amberg noch Hinterlassenschaften des Nationalsozialismus im öffentlichen Raum, die der Stadt nicht gut zu Gesicht stehen?

Laschinger: Von derartigen Hinterlassenschaften ist mir nichts bekannt. Wir haben hier in Amberg auch nur wenige Bauten aus der Zeit. Da fällt mir jetzt etwa das Park-Kino ein, das im Stil dieser Zeit errichtet wurde.

Wie waren denn die Reaktionen auf das Buch des Stadtarchivs zum NS-Symposium?

Laschinger: Sehr positiv. Vor allem kam der Versuch sehr gut an, über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen, eine Zusammenschau vorzunehmen. Es gab ja durchaus Berührungspunkte zwischen Amberg und Weiden oder Neumarkt.

Und die Verkaufszahlen?

Laschinger: Das Buch hat sich nicht schlecht verkauft. Aber es sind schon noch Exemplare da.

Welchen Anteil an der Arbeit des Stadtarchivs oder an den Anfragen, die Sie erhalten, nimmt eigentlich die Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus ein?

Laschinger: Die spielt im Hinblick auf die Anfragen eher eine untergeordnete Rolle. Das meiste Interesse sehen wir da noch im Zusammenhang mit Seminaren der Amberger Gymnasien.

Das Thema Nationalsozialismus ist immer noch mit Emotionen behaftet. Muss man da als professioneller Historiker im Gespräch mit Archivnutzern mit besonderer Vorsicht rangehen? Oder gibt es inzwischen eine größere Unbefangenheit im Umgang mit dem Thema?

Laschinger: Man überlegt sich schon genau, was man sagt. Das zeigt natürlich auch, dass man diese Zeit vielleicht auch selbst immer noch nicht als "normal" betrachtet. Obwohl der Historiker natürlich die zwölf Jahre aus der deutschen Geschichte nicht herausschneiden und ganz anders behandeln darf als die Weimarer Republik oder die Adenauerzeit.
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