Das Reithaus und ein Lager-Streit

Mancher blickte skeptisch aufs Gebälk in den Obergeschossen des Schießl-Stadls. Die Handhaltung von Hans-Georg Wiegel (Vierter von links) aber verdeutlicht es: Gerade das aufwendige Dach sei der beste Beweis für die ursprüngliche Konzeption als Reithaus.

Hans-Georg Wiegel ist kein Aufwiegler. Aber beim Schießl-Stadl hat der Chef des Hochbauamts seine eigene revolutionäre Theorie. Sie wirft ein neues Licht auf das Gebäude aus dem 17. Jahrhundert, das wir bisher als kurfürstliches Wagenhaus kannten. Von wegen, sagt Wiegel. Es war ein Reithaus.

Mit dieser Sichtweise überraschte der Leiter der städtischen Hochbaubehörde am Samstag beim ersten bundesweiten Tag der Städtebauförderung. Auch Amberg nahm an dieser Premiere teil, hat es doch mit dem Schießl-Stadl, der zum Stadtarchiv umgebaut wird, ein besonderes Projekt zu bieten. Klar, dass es einmal mehr der Öffentlichkeit präsentiert wurde - mit einer Führung am Mittag, zu der sich einige interessierte Bürger einfanden. Dabei waren nicht die Baustelle und ihre künftige Nutzung die kleine Sensation, sondern eher Hans-Georg Wiegels Worte. Denn sie standen im Widerspruch zu dem, was wir bislang über das einst von der Amberger Brauerei Schießl betriebene Lagerhaus wussten.

All das hatte zum Auftakt der Veranstaltung Stadtarchivar Dr. Johannes Laschinger erläutert. Er hielt einen fundierten historischen Vortrag über Entstehung und Entwicklung des Gebäudes, beschäftigte sich mit der Suche nach Architekten und Baumeistern, um dem einstigen Sinn und Zweck der um 1617 fertiggestellten herrschaftlichen Anlage auf die Spur zu kommen. Was die Theorie des Hochbauamtschefs betrifft, nahm Laschinger mit einer Expertin zum Thema Reithäuser Kontakt auf (siehe oben). Ihr Ergebnis ist Wasser auf Wiegels Mühlen, wenngleich er bekennt, dass hier Architekten und Historiker "zwei Lager bilden". Letztere verließen sich auf schriftliche Unterlagen und Erwähnungen in den Archiven, während sich die Bauingenieure "ansehen, was es an Fakten noch gibt".

Dazu zählt vor allem ein komplizierter Dachstuhl, der als Hängetragbauwerk errichtet wurde. "Warum so ein großer Aufwand?", fragte der Hochbauamtsleiter, um die Antwort gleich selbst zu geben: "Um den Raum hier unten stützenfrei zu kriegen." Nach seiner Ansicht war das zum Trainieren mit Pferden nötig gewesen, nicht aber zum Einstellen von Kutschen - Stichwort Wagenhaus. Allerdings glaubt auch Hans-Georg Wiegel, dass der Stadl nach seiner Fertigstellung als Reithaus gar nicht mehr genutzt wurde.

Denn dendrochronologische Untersuchungen zweier großer Stützpfeiler, die eben doch im Parterre stehen, belegten, dass dieses Holz noch vor 1620 eingebaut wurde. Wiegels Theorie dazu: Der einstige Bauherr "Winterkönig" Friedrich V. hatte nach seiner Krönung in Böhmen kein Interesse mehr an dem Reithaus und ließ es gleich als Lager nutzen. Dazu seien die Stützen angebracht worden, um den Dachgeschossen mehr Lasten aufbürden zu können. (Glosse/Hintergrund)
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